Der Traumjob

Der Traumjob

Wumm, wamm und die ganze Maschine wackelte, bis das charakteristische Klopfgeräusch verstummt war, dann zuckelte RX8 weiter und das gleichmäßige Mahlen der Walze setzte wieder ein.

Ein Geräusch, als ob ein Ochse Chips kaute. Aber wenigstens war es nicht so laut, wie das Klopfen, das die Auswurfschlange machte, wenn sie den Abraum hinausbeförderte.

Jonas schaute auf den Bildschirm, der ihm das ausgeworfene Material zeigte. Ein perfekter Hügel. Er kontrollierte den Füllstand des Lagerraums. Fast fünfzig Milligramm seltener Erden waren hinzugekommen. Das war klasse.

Er öffnete die Wasserflasche und prostete sich selbst im kleinen Spiegel, den er neben dem vorderen Fenster der Fahrerkabine angebracht hatte, zu. Dabei betrachtete er sein Gesicht.

Er sah aus wie Mitte dreißig und das kam hin. Sein dunkles Haar war voll und lang, das Gesicht herb und von der typischen Blässe des Untertagearbeitenden.

Seit fast zehn Jahren fuhr er jetzt die Termite, wie man die Abbaufahrzeuge nannte, weil es eine grobe Ähnlichkeit mit dem Insekt gab. RX8 sah aus wie ein zur Mitte verdickter Zylinder, der sich auf sechs Rädern vorwärts bewegte und sich dabei kontinuierlich durch das Gestein fraß. Selbst die gelblich weiße Farbe ähnelte der des Insekts.

Der Abraum, den die Walze förderte, wurde unter seinen Füßen in seine Bestandteile aufgespalten. Die seltenen Erden kamen in den Lagerraum und der Rest in den Abraumschacht, den die Maschine regelmäßig leerte. Dazu blieb sie stehen und er wurde durchgeschüttelt.

Wenigstens funktionierte die Klimaanlage und der kleine Kühlschrank war stets mit Wasser gefüllt. Da ließ sich die Firma nicht lumpen. Der Fahrer wurde mit derselben Regelmäßigkeit betankt wie seine Termite.

Und genauso wie RX8 musste auch er alle zwei Jahre zum TÜV. Gerade hatte er den Gesundheitscheck wieder erfolgreich hinter sich gebracht. Hurra! Jedes Jahr wurde der Wunsch stärker, dass sie etwas fanden, um ihn hinauszuwerfen. Aber was dann? Er konnte ja nichts anderes. Wenigstens nichts, was ihm genug Geld brachte, um sich seinen Traum zu erfüllen.

Er sah auf die Uhr. Zeit für die vorgeschriebener Pause an der frischen Luft. Die Termite hielt neben einem der Aufzugschächte. Ankuppeln an der Luftschleuse, direkt von der Kabine in den Aufzug und den Magen festgehalten, denn das Ding legte die zweitausend Meter bis zur Aussichtsplattform in weniger als einer Minute zurück.

Das ging nur, weil in der Kabine der Termite derselbe Druck herrschte wie auf der Oberfläche. Was relativ einfach zu bewerkstelligen war, weil die Basis unter einer Kuppel lag.

Den Asteroiden zu terraformen lohnte nicht, denn waren sie erst mit dem Abbau fertig, würde der Felsbrocken porös sein, wie ein Schwamm. Nicht mehr für eine Besiedlung geeignet.

Aber deswegen hatte er sich ja für diesen Felsen entschieden, denn hier konnten sie zusammen sein. Alba und er. Seine Alba! Für ihn war sie die schönste Frau des Universums und die klügste. Deswegen vertraute man ihr auch die Programmierung und Wartung der künstlichen Atmosphäre an.

Der Aufzug hielt und er betrat den Boden der Aussichtsplattform, die noch einmal fünfhundert Meter über dem Boden des Asteroiden lag. Seit sie hier arbeiteten, machte er seine Pause an dieser Stelle, in greifbarer Nähe zu seinem Traum.

Er setzte sich an das Geländer und ließ die Beine zwischen den Streben hindurch baumeln. Seine Thermoskanne stellte er neben sich, genau wie seinen Suppenbehälter. Heute gab es eine Fleischsuppe und zum Nachtisch kalten Kakao.

Alba regte sich immer über die Essenszusammenstellung für die Arbeiter auf. Sie und ihre Kolleginnen bekamen frisches Gemüse aus den hydroponischen Gärten. Und das Fleisch war echt. Es wurde aus Mehlwürmern gemacht und nicht synthetisch gewonnen, wie das für ihn und seine Kollegen.

Ihm war es egal. Das Zeug ließ sich essen. Umso besser schmeckte es ihm, wenn sie an ihren gemeinsamen freien Tagen selbst kochen konnten. Mit Zutaten, zu denen Alba Zugang hatte. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, bei dem Gedanken an ihre Fleischbällchen.

Ein Signalhorn brachte den Boden um ihn herum zum Erzittern und dann war es soweit. Einer der großen, glänzenden Lastkräne fuhr aus dem Untergrund an die Oberfläche. Er war genauso hoch wie die Plattform. Vor Aufregung hörte er auf zu kauen.

Die Kette am Ausleger straffte sich und der Kran hob einen Container aus dem Inneren des Asteroiden und versenkte ihn in den Bauch eines Frachtschiffs.

Eines Tages würde er da oben sitzen und auf all die kleinen, geschäftig umher eilenden Menschen und Maschinen herabschauen. Denn das war sein Traum. Er träumte ihn seit seine Mutter ihm den Arbeitsplatz seines Opas gezeigt hatte, der Kranführer gewesen war. Kranführer! Das Beste was ein Mann wie er erreichen konnte.

Bewundernd fuhren seine Blicke den schlanken, glänzenden Metallkoloss entlang. Da oben war man frei. Kein Lärm, kein Gestank und keine Leute, die einen ständig über Funk anriefen, um über etwas Belangloses zu reden. Nur wenige Leute durften einen Kranführer anrufen, wenn er arbeitete.

Seine Uhr piepte wie eine getretene Maus und zeigte das Ende seiner Pause an. Mechanisch packte er seine Sachen zusammen und fuhr wieder hinunter.

*

Der Tag heute war gut gewesen. Seine Ausbeute so hoch, wie seit Wochen nicht mehr. Er hatte Punkte gesammelt, die ebenso gut waren wie Geld, denn er konnte sie einsetzen, um die Ausbildung zum Kranführer zu bezahlen.

Bis zum Ende des Jahres hatte er das Geld zusammen. Fröhlich wusch er sich die Seife vom Körper. Noch heute Abend würde er die Anmeldung ausfüllen. Zusammen mit Alba.

Er zog seine private Kleidung an und verließ den unterirdischen Bunker. Alba hatte heute frei gehabt, wegen ihrer Tauglichkeitsuntersuchung, die bei ihrer Verwendung als Programmierer eigentlich nur Routine war. Programmierer durften selbst vom Rollstuhl aus weiterarbeiten.

Er stieg in die Bahn, die ihn direkt zu seinem Block brachte. Dank Alba konnten sie sich eine Wohnung auf der Oberfläche leisten. Wobei ihm das wichtiger war als ihr.

Sie war ein richtiger kleiner Nerd. Stilecht mit dicker Brille, pummelig, von der vielen Arbeit im Sitzen und blass wie Schneewittchen. Er konnte sich keine schönere Frau vorstellen. Jonas verließ die Bahn und rannte die Außentreppe zu ihrer Wohnung hinauf. Sicher hatte sie wieder ein Abendessen gekocht, genau wie letztes Jahr.

Er schloss die Tür auf. Drinnen war es still. Zu still! Er hörte Albas PC nicht und es roch auch nicht nach Essen. Sein Herz stockte. Die Untersuchung, hämmerte es in seinem Kopf. Etwas war schief gelaufen!

Unruhig betrat er das gemeinsame Wohn- und Schlafzimmer. Dort saß sie, mit dem Rücken zu ihm, auf der Couch. Ihre Arme bewegten sich in einem komischen Rhythmus und dazu klackte etwas leise.

»Alba«, flüsterte er fast. »Ich bin zu Hause.«

»Ich höre es«, sagte sie, ohne sich umzuwenden oder in der Bewegung innezuhalten, die von einem monotonen ›klack klack‹ begleitet wurde. »Warum setzt du dich nicht zu mir?«

Ihm wurde der Kragen eng. »Ist bei… Ich meine, war was, bei der Untersuchung?« Das Blut rauschte in seinen Ohren.

Sie nickte. »Dein Leben wird sich verändern.«

Er schloss die Augen. Gleich würde sie die Worte sagen. Sie musste sterben. Aber warum sah sie ihn nicht an und was machte sie da?

»In ein paar Monaten, werde ich nicht mehr arbeiten können.«

›Klack, klack.‹ Wenn sie doch nur mit diesem Geräusch aufhören würde. Er ging um die Couch herum. Sie sah zu ihm auf. Glücklich! Ihre Hände hoben sich vor sein Gesicht und sie zeigte ihm, was sie machte. Sie strickte. Ringelsöckchen. Winzige Ringelsöckchen.

Verwirrt sah er sie an. Ganz gegen ihre Natur plapperte sie. Von einem Baby und dem vierten Monat.

»Das ist toll«, hörte er sich sagen, während vor seinem inneren Auge eine Termite den silbernen Kran schredderte.