Woher

Die Berührung war kaum zu spüren. Sie hob die Hand und betrachtete die Blase. Deren dünne Haut schillerte in den Farben des Regenbogens. Die Oberfläche war glatt und absolut gleichmäßig in der Krümmung. Ein Querschnitt würde ihr einen perfekten Kreis zeigen.

Zufriedenheit flutete durch ihren Geist. Diese Seifenblase war fehlerfrei. Sie spitzte die Lippen, um sie in die Unendlichkeit zu pusten, damit sie sich dem wirbelnden Tanz der anderen Seifenblasen anschließen konnte, die hoch über ihrem Kopf schwebten.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung in der Blase wahr. Ein buntes Schwirren, fast so filigran wie die Hülle. Sie zögerte. Noch nie hatte sie in das Innere einer ihrer Schöpfungen geschaut.

*

Walas Blick wanderte über die verschiedenen Formen der Struktur. Sie verlor langsam ihre typische Gestalt, die sie wie einen Vulkankegel aussehen ließ. Immer mehr Wohnungen waren am Rand angebaut worden, so dass die Struktur jetzt eher einem überkochenden Milchtopf glich. Das Volk wurde zu zahlreich. Es war an der Zeit, dass ein Teil der jungen Leute loszog, um irgendwo eine neue Struktur zu schaffen.

Sie stieß sich von dem Blütenkelch ab, auf dem sie gesessen hatte und flog zum zentralen Bau. Vasta, ein kauziger junger Forscher, hatte die Gemeinschaft zu einem Vortrag eingeladen. Anscheinend hatte seine Gruppe, die sich mit dem ›Woher‹ beschäftigte, neue Erkenntnisse gewonnen. Wenn sein Referat nicht zu lang war, blieb ihr anschließend genug Zeit, um für einen Auszug all derer zu plädieren, die nach dem hundertsten Jahrestag geboren worden waren. Das sollte die Struktur für die nächsten Jahre entlasten und man konnte die Auswüchse an ihren Rändern zurückbauen.

Wala landete auf der vorderen Terrasse, zwischen hundert anderen ihres Volkes, faltete ihre Flügel ein und folgte dem Strom der Leute ins Innere des Baus.

Rampen, mit einem sanften Gefälle, führten in die Haupthalle hinab, die groß genug war, um allen Bewohnern der Struktur Platz zu bieten. Wenigstens sollte das so sein. Lautlos seufzend registrierte Wala, dass ein Teil des Volkes schon an den Wänden stand oder auf dem Fußboden hockte.

Sie schlängelte sich zwischen den schlanken Blütenstengeln durch, auf denen sich die Sitzplätze, die wie Blüten gestaltet waren, hin und her wiegten. Anmutig kletterte sie auf ihren Platz und setzte sich mit überkreuzten Beinen zurecht.

Vasta wartete bereits ungeduldig darauf, mit seinem Vortrag beginnen zu können. Er stand in der Mitte des Raums auf der Vortragsblüte und stützte sich mit seinen blassen Händen auf einem kunstvoll geschnitzten Rednerpult ab, das einem Blütenstempel nachempfunden war.

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Fasziniert schaute sie auf die Wesen, die ihre Träume geschaffen hatten. Sie sahen aus wie winzige Menschen mit Schmetterlingsflügeln. Sie stutzte und lauschte in sich hinein. Woher hatte sie diesen Vergleich? Was waren Menschen und was waren Schmetterlinge? Hatte sie derartige Kreaturen schon früher geträumt? An Schmetterlinge konnte sie sich überhaupt nicht erinnern. Wohl aber an Menschen. Vage huschten Gestalten durch ihre Erinnerungen. Sie waren laut und … Ihre Erinnerung setzte aus. Wahrscheinlich war es ein Albtraum gewesen. Sie konzentrierte sich wieder auf die Blase in ihrer Hand.

*

Verblüfft schwieg das Publikum. Was Vasta da sagte, hörte sich fantastisch an und doch irgendwie plausibel. Man hatte keine Artefakte gefunden, so sehr man sich auch bemühte. Andererseits hatte Bermont, die Kapazität auf dem Gebiet der Forschungen über das ›Woher‹ schon vor fünfzig Jahren darauf hingewiesen, dass man schon nach wenigen Jahren keine Überreste des Volkes mehr fand. Die filigranen Flügel zerfielen schon nach Wochen und die Knochen enthielten nicht genug Kalzium, um lange im Boden zu überdauern. Außerdem war das Volk schon vor Äonen dazu übergegangen seine Toten zu verbrennen und die Asche in alle Winde zu zerstreuen.

Wala beobachtete die Reaktionen im Publikum. Die meisten wirkten amüsiert. Sie hielten die Frage nach dem ›Woher‹ nicht für relevant. Sie waren zufrieden damit zu sein.

»Begreift ihr denn nicht, was ich sage? Unsere Ahnen könnten falsch gelegen haben, mit ihrer Theorie, dass wir uns langsam entwickelt haben. Wir könnten unsere Existenz einem aktiven Akt der Schöpfung verdanken. Jemand – etwas – könnte sich um uns sorgen.«

»Was für ein Unsinn!«, schnaubte Galtar, der wie Wala der Führungsriege angehörte. »Als nächstes erzählt du uns noch von Göttern und dass du dich für auserwählt hältst, weil sie dir deine Inspiration eingegeben haben.«

»Aber die Fakten!«, beharrte Vasta. »Ihr könnt doch nicht einfach die Fakten ignorieren. Wenn wir uns langsam aus einer anderen Art entwickelt hätten, müssten wir dann nicht Hinweise darauf finden?«

»Was denn für Hinweise?«, warf Lasin dazwischen. »Meinst du einer unserer Vorfahren hätte Tagebuch geführt? Etwa so: ›Habe heute beschlossen mich weiterzuentwickeln. Verlasse dazu die Wabe, damit mir Arme und Stimmbänder wachsen und dann baue ich mir eine Wohnung, in die es nicht hinein regnet.‹«

Einige Zuhörer lachten.

»Genau. Und dann hat er seine Tagebücher vergraben, damit die Nachwelt sie findet«, spielte Miso auf eine Sitte an, die unter den Bewohnern der Struktur weit verbreitet war.

»Oh je, ihr solltet lieber still sein«, mischte sich Lasana ein. »Sonst zerschmettert Vastas höheres Wesen euch noch mit einem Blitz.«

*

Was meinten sie mit höherem Wesen? Sie legte den Kopf schief und lauschte auf ihre Erinnerungen. Schließlich erkannte sie, dass sie selbst damit gemeint sein könnte. War sie das? Ein höheres Wesen? Weil sie Seifenblasen schuf und Dinge hinein träumte? Und wenn das so war, hatte sie dann Verantwortung für die Dinge, die lebendig wurden und Denkvermögen entwickelten?

Nein! Wenn es denken konnte, dann war es für sich selbst verantwortlich. Aber was war mit den anderen fühlenden Wesen? Das Wort Moral kam ihr in den Sinn, um sofort wieder zu verschwinden. Moral war etwas künstlich geschaffenes und kein Naturgesetz. Sie wandte sich wieder dem Geschehen in der Seifenblase zu.

*

»Ich meine, dass es genug ist«, sagte Wala bedächtig, nachdem man sie um ihre Stellungnahme in dem aufkeimenden Streit gebeten hatte. »Was du entwickelt hast, ist sicher ein interessanter Einfall, Vasta, aber bis du einen Beweis dafür bringst, einen echten Beweis, ist es eben nur eine Idee«, betonte sie nachdrücklich.

Eine Idee nannte sie seine These. Vasta schnappte nach Luft. Und schlimmer noch! Einen bloßen Einfall hatte sie seine Arbeit genannt. Genauso gut hätte sie ihn einen Geschichtenschreiber nennen können. Beleidigt räumte er den Platz auf der Vortragsblüte. Hinter sich hörte er Wala ein anderes Thema anschneiden. Das der Überbevölkerung der Struktur und dass es an der Zeit sei, dass ein Teil der jungen Leute auszog, um anderswo neu zu beginnen.

Vor dem Durchgang zur Terrasse blieb Vasta stehen und wandte sich um. Im Publikum hatte sich Schweigen ausgebreitet. Alle hatten gewusst, dass dieser Schritt bevorstand, aber jetzt, da es so weit war, kullerten die ersten Tränen. Familien würden auseinandergerissen werden. Es gab ein Stichdatum für den Auszug und daran war nicht zu rütteln. Wer zu spät in den Wohlstand einer Struktur hineingeboren war, musste gehen.

Vasta schürzte die Lippen. Aber niemand verbot einem früher Geborenen sich dem Auszug freiwillig anzuschließen. Vielleicht war das seine Chance. Eine neue Struktur und darin eine neue Forschungswabe. Eine die seiner These zugänglicher war. Junge Leute waren im Allgemeinen leichter zu überzeugen und von Neuem zu begeistern.

Plötzlich durchzuckte ihn ein weiterer Gedanke. War es nur ein Zufall, dass Wala diesen Vorschlag machte, direkt nachdem sie ihn abgeschmettert hatte? Oder war das ein Beweis seiner These? Oder mehr noch, ein Zeichen? Ein Zeichen für ihn, dass er auserwählt war? Lächelnd verließ er die Versammlung, um seine Sachen zu packen und seinen Abschied als Forscher zu formulieren.

*

Dieses kleine Volk zu beobachten bereitete ihr Vergnügen. Sie begleitete sein Werden, seit die ersten den Gebrauch ihrer Stimme und anderer Werkzeuge erlernten. Die Äonen, die seitdem für das Volk vergangen waren, bedeuteten für sie nur einen Wimpernschlag.

Zum ersten Mal, seit sie das Volk mit ihrer Aufmerksamkeit bedachte, drohte jetzt Disharmonie in die Gemeinschaft Einzug zu halten. Das stimmte sie traurig. Bisher war jeder Auszug tränenreich, aber friedlich verlaufen. Die Scheidenden hatten anderswo neu begonnen. Gestützt auf die Forschungen und die Errungenschaften ihrer Mutterzivilisation hatten sie sich stets fortentwickelt. Woher mochte dieser Umschwung im Denken kommen?

Hatte sie das am Ende bewirkt? War die Blase durch ihre Beobachtung beeinflusst worden? Tief in ihrem Inneren regte sich die Erinnerung an ein Naturgesetz. Es hatte etwas mit Beobachtung zu tun und was in einem Mikrokosmos geschah, wenn man Elemente beobachtete. Aber ihre Blasen waren kein Mikrokosmos. Galt das Gesetz dann?

Sie wusste es nicht. Und eigentlich war es jetzt auch egal, denn wenn es galt, dann war der Schaden passiert. Sie hob die Hand und ließ die Seifenblase fliegen. Dann formten ihre Lippen ein O um eine neue Blase zu entlassen, während sie ihre Augen schloss und den Inhalt einer neuen Welt träumte.

*Ende*