Wahlen

Schon wieder Wahlen. Dieses Jahr haben wir in Niedersachsen zum zweiten Mal das Glück, wählen zu dürfen und natürlich gehe ich wieder hin. Genau, wie zur Bundestagswahl. Und genau wie bei der Bundestagswahl ringe ich wieder mit der Entscheidung, wem ich meine Stimme geben soll.

Ja, ganz richtig, ich wähle nicht einfach dieselben, die ich beim letzten Mal gewählt habe, sondern überlege und prüfe wieder. Erneut lese ich Parteiprogramme, vergleiche Positionen, erinnere mich, wer in der Vergangenheit welche Versprechen gebrochen hat und benutze den Wahlkompass. Der ist vor allem nett, um die Positionen der Parteien miteinander zu vergleichen.

Als einzige Orientierungshilfe ist er nicht zu empfehlen und auch nicht gemeint. Und es empfiehlt sich, die Fragen genau zu lesen und nicht im Vorfeld schon seine Meinung in die Frage hinein zu interpretieren. Es ist, um ein Beispiel zu nennen, ein Unterschied, ob ich frage: »Sollen Unternehmen weiter Leiharbeiter beschäftigen dürfen« oder »Sollen Unternehmen weiter Leiharbeiter beschäftigen dürfen, die sie geringer entlohnen als ihre Stammbelegschaft.«

Wie auch immer, auf jeden Fall bietet der Wahlkompass ein wenig Kurzweil in dem mühseligen Geschäft des Nachdenkens und Abwägens.

Manchmal beneide ich die Menschen, die bereits mit achtzehn Jahren wissen, wen sie den Rest ihres Lebens wählen wollen. Persönlich sind mir verschiedene Versionen dieses Wählertyps begegnet. Die Einen, die sich eine Partei aussuchen, weil sie es besser machen wollen als ihre Eltern, die ja sowieso keinen Durchblick haben. Sie halten ihrer Partei ähnlich die Treue, wie andere einem Fußballverein. Sie tragen die Farben, schimpfen auf schlechte Leistungen und wählen sie weiterhin.

Und die Anderen, die ihre politische Heimat erben und die sich durch die Aussage »Wir sind zu Hause Partei X« zu erkennen geben. Etwas anderes zu wählen, kommt dort einem Verrat an der Familie gleich.

Daneben kenne ich auch noch die taktischen Wähler. Sie geben ihre Stimme denen, die am wenigsten Schaden damit anrichten. Und auf keinen Fall einer kleinen Partei, auch nicht, wenn die ihren eigenen Positionen nahe kommt, denn die haben ja keine Chance und man will seine Stimme ja nicht verschenken.

Oder die Protestwähler, die glauben den etablierten Parteien, dem viel beschworenem Establishment, oder »denen da Oben« eins auswischen zu können. Wer nach der Bundestagswahl meint, deren Rechnung sei aufgegangen, sollte sich anschauen, welche Themen mit der Aufregung über eine vermeintliche Protestpartei unter den Tisch gekehrt werden.

Und der Nichtwähler? Kann man damit Protest ausdrücken, ohne seine Stimme zu verschwenden? Schwierig. Aber die meisten Nichtwähler verzichten vermutlich eher auf ihr Recht, weil sie nicht wissen, wem sie ihre Stimme anvertrauen können. Manchen ist es vielleicht auch egal, solange es Brot und Spiele oder etwas zu meckern gibt.

Kann man überhaupt Protest mit der Wahl ausdrücken? Ich denke, diese Frage ist falsch gestellt. Besser man fragt sich, mit welcher Partei haben meine Ansichten die meisten Übereinstimmungen. Das bedeutet dann eben, sich auch mit den Positionen der kleinen und Unbekannten auseinanderzusetzen. Da sind Wal-O-Mat und Wahlkompass hilfreich, denn sie stellen Parteien vor, die sonst keiner kennt.

Und natürlich ist es sinnvoll, diesen kleinen Parteien seine Stimme zu geben, auch wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde nicht auf Anhieb schaffen. Wie soll sich jemals eine neue Partei, mit neuen Ansätzen in der Politik, durchsetzen, wenn niemand anfängt sie zu wählen?

Wer immer das kleinere Übel wählt, damit seine Stimme einer Partei zugute kommt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die 5% Hürde schafft, verspielt die Chance auf Veränderung.