Therapie

Die Therapie

Martha erkannte das widerstrebende Mädchen sofort, das von seiner Mutter durch die Tür geschoben wurde. Langes, mit Henna rötlich gefärbtes Haar und ein trotziges Gesicht. Ein typischer Teenager von fünfzehn Jahren. Sie verließ ihren Sessel hinter dem wuchtigen, alten Schreibtisch und kam Mutter und Tochter entgegen.

„Frau Meyer!“ Sie lächelte. „Und du bist Hanna?“

Misstrauisch griff das Mädchen nach ihrer ausgestreckten Hand. Hannas Finger waren warm, wenigstens dort, wo keine Ringe die Haut verdeckten. Marthas Augen suchten nach den verräterischen Zeichen einer Sucht oder Nervenkrankheit. Sie fand beides nicht. Das Mädchen machte einen ganz normalen Eindruck.

Nur ganz vage hörte Martha den Klagen der Mutter, über den unglückseligen Fernsehauftritt ihrer Tochter, zu. Hanna und zwei ihrer Freundinnen hatten sich in einer Talkshow als Hexen geoutet.

„Hexen!“ Frau Meyer spuckte das Wort aus, wie eine verdorbene Frucht. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was seitdem los ist. Ich kann mich nirgends mehr sehen lassen.“ Hannas Mutter fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar. „Erst gestern beim Friseur! Da war diese…“

„Danke, Frau Meyer.“ Martha lächelte entwaffnend. „Sie können Hanna dann in einer Stunde wieder abholen.“

Sanft aber unnachgiebig schob sie die verblüffte Frau ins Wartezimmer zurück und schloss die dicke Tür.

„Setz dich doch.“ Mit einem einladenden Nicken deutete sie auf die beiden Besuchersessel, die vor ihrem Schreibtisch standen.

Das Mädchen plumpste in einen davon und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit der Zunge schob sie einen Kaugummi in ihrem Mund hin und her. Martha ging um den Tisch herum und setzte sich wieder. Sie nahm die Karteikarte zur Hand, die sie nach dem Telefonat mit Hannas Eltern angelegt hatte.

„Du bist also eine Hexe?“

„Ich bin nicht verrückt!“ Hannas Stirn umwölkte sich.

„Nein.“ Martha schob ihre Brille mit dem Zeigefinger zurück auf die Nasenwurzel. „Natürlich nicht.“ Sie sah von der Karte auf und suchte den Blick des Mädchens. „Denn dann wärst du bei einem Psychiater. Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie, das heißt, ich behandle Menschen die mit ihrer Umwelt nicht klar kommen oder deren Umfeld mit ihnen nicht zurechtkommt.“

Hanna stutzte. „Was haben meine Eltern Ihnen gesagt?“, fragte sie schließlich.

„Dass du dich für eine Hexe hältst.“ Sie fügte eine kurze Beschreibung von dem hinzu, was Hannas Eltern ihr am Telefon abwechselnd erzählt hatten. „Oh, und ich hab die Talkshow gesehen.“

„Und jetzt erzählen Sie mir, wie dumm das ist und wie lächerlich ich mich gemacht habe.“

„Lächerlich hat der Talkmaster dich gemacht.“

Hanna zog die Stirn kraus. „Das hat Paps auch gesagt.“ Sie seufzte. „Und das dumme Gänse, die sich mit esoterischem Quatsch abgeben, das verdient haben.“

Nicht ganz so drastisch hatte Herr Meyer sich am Telefon geäußert. Auf jeden Fall hatte er großen Wert darauf gelegt, das er und seine Frau anständige Christen waren und an keinen abergläubischen Hokuspokus glaubten. Eben nur an die Jungfrauengeburt, dachte Martha spöttisch.

„Was habt ihr drei euch denn von eurem Auftritt versprochen?“, fragte sie laut.

Hanna antwortete nicht darauf. Aber das war auch nicht notwendig. Martha wusste auch so, dass die Mädchen sich damals nur hatten wichtig machen wollen.

*
Heute war ihre fünfte Stunde mit Hanna Meyer. Neben einer Reihe Macken, die für Teenager typisch waren, hatte das Mädchen eine überdurchschnittliche Empathiefähigkeit erkennen lassen. Außerdem war sie nicht dumm. Insoweit hatte Martha die Eltern beruhigen können.

Blieb nur die fixe Idee eine Hexe zu sein, von der sie das Mädchen kurieren sollte.

„Hier!“ Hanna kramte ein Foto aus ihrer Handtasche. „Das hat Vanessa gemacht.“

Martha nahm das Foto und betrachtete es eine Weile. Es zeigte Hanna und ein anderes Mädchen. Das musste dann Stevie, oder Stephanie, sein. Die Mädchen hatten weiße Kerzen angezündet und ein Pentagramm auf den Boden gemalt, in dessen Mitte ein Foto lag.

„Und hier!“

Hanna hielt ihr ein weiteres Bild hin. Auf dem Bild schwebte die abgebildete Fotografie, die einen hübschen Jungen zeigte.

„Photoshop!“, stellte Martha trocken fest. „Du musst nicht glauben, dass mir die Möglichkeiten der digitalen Fotografie unbekannt sind, nur weil ich ein paar Tage älter bin.“

„Das ist wirklich passiert.“ Der alte Trotz brach wieder durch. „Und er hat Vanessa zur Fete eingeladen, so wie wir es geplant hatten.“

„Und das findest du gut?“

Verwirrt schaute Hanna sie an.

„Angenommen, ihr habt mit eurem Ritual bewirkt, dass er sich für Vanessa entscheidet…“. Sie warf die beiden Fotos auf ihren Schreibtisch. „… dann habt ihr dem Jungen seinen freien Willen genommen.“ Martha beugte sich vor und legte ihre Fingerspitzen gegeneinander. „Das ist schlimmer, als jemanden mit offen angedrohter Gewalt zu etwas zu zwingen“, sagte sie streng und konzentrierte sich auf Hannas Aura. „Ich frage dich noch einmal…“ Martha konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme ungehalten klang. „Findest du das gut?“

„Ich…“ Hannas Wagen liefen rot an. Das Mädchen begriff, worauf sie hinauswollte. „Ich… wir, so hab ich das gar nicht gesehen“, brach es schließlich aus ihr heraus. „Wir sind doch weiße Hexen!“

Hanna war wirklich erschüttert.

„Weiße Hexen, schwarze Hexen!“, schnaubte Martha. „So ein Unsinn!“

„Aber es ist wahr…“, verzweifelt rang das Mädchen die Hände. „Ich bin eine Hexe und ich hab was Schlimmes getan. Ich muss das in Ordnung bringen.“ Sie sprang auf.

„Hinsetzen“, donnerte Martha und Hanna plumpste auf ihren Stuhl zurück. „Ich hab nicht gesagt, dass Hexerei Blödsinn ist! Nur die Unterteilung in weiß und schwarz ist es.“

Das Mädchen starrte sie an. Erst verwirrt, dann ungläubig. „Sie…“ Ihre Stimme war ganz leise, so als scheute sie sich die Frage zu stellen. „Sie glauben an Hexen?“

Fast hätte Martha laut gelacht. Hanna hätte sie ebenso gut fragen können, ob sie sich selbst für real hielt. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und nickte.

„Das tue ich.“ Ihr Blick wurde wieder streng, fing den des Mädchens ein. „Und ich glaube, dass du Potential hast.“

*
„Ich hatte die ganze Zeit Recht“, wisperte Hanna benommen und ängstlich.

Martha drückte ihr beruhigend die Hand. Sie erinnerte sich aus eigener Erfahrung nur zu gut daran, wie einschüchternd das hier war. Sanft schob sie Hanna vorwärts. Ihre nächsten Schritte musste das Mädchen allein tun.

Zwölf Hexen erwarteten das Mädchen hier. Der oberste Zirkel von Marthas Orden, getarnt als Freimaurerloge, die sowohl Männern als auch Frauen offen stand.

Die oberste Hexe, oder Hirtin wie sie intern genannt wurde, hatte ihren Stuhl genau im Osten, dort wo die Sonne aufging. Ihre beiden engsten Beraterinnen saßen im Süden und im Norden, die anderen bildeten ein Spalier, durch das Hanna gehen musste; quasi aus der Dunkelheit kommend, dem Licht entgegen.

Auf wackeligen Beinen schritt sie tapfer vorwärts. Ihre Augen waren auf einen Punkt irgendwo neben der obersten Hirtin gerichtet. Während der folgenden Stunde prüften die Zwölf das Mädchen gnadenlos. Sie testeten ihre Fähigkeiten und vor allem ihren Charakter. Wenn Hanna diese Prüfung nicht bestand, würde man ihr ihre Fähigkeit nehmen und sie all dies vergessen lassen.

*
„Ist das dein letztes Wort?“, Stevies Augen blitzten vor Zorn.

Hanna nickte bekräftigend. „Ich fühle mich zu…,“ Fast hätte sie alt gesagt. „… erwachsen für solche Sachen.“ Sie schluckte schwer. Ihre beiden besten Freundinnen so vor den Kopf zu stoßen tat weh. „Wir sind fast sechzehn, Leute! Ich gebe zu, all das hat Spaß gemacht und so, aber…“

„Spaß!“, giftete Stevie. „Mehr war das also nicht für dich?“ Sie wandte sich abrupt ab. „Kommst du Vanessa! Mit Abtrünnigen reden wir nicht.“

„Wie uncool!“ Vanessa verzog ihren geschminkten Mund.

„In einem Altenheim“, schnaubte sie verächtlich. Ohne auf eine Antwort zu warten, trabte sie hinter Stevie her.

Hanna liefen Tränen übers Gesicht. Mit ihrer Entscheidung hatte sie eben ihre engsten Freundinnen verloren und außerdem würde sie ihre Sommerferien mit einem Praktikum im Altenheim verbringen. So, wie die oberste Hirtin es angeordnet hatte. Sie sollte lernen, was es bedeutete eine Hexe zu sein. Es war nicht cool, es war anstrengend!

*

Ende