Nur eine Bagatelle

Anna stand an den Türpfosten des stillen Kinderzimmers gelehnt und lauschte dem Freizeichen des Telefons. Unvermittelt knackte es in der Leitung. Sie setzte zu sprechen an, aber es war nur eine Bandansage, die sie bat nicht aufzulegen. Der nächste freie Mitarbeiter stünde zu ihrer Verfügung.

Sie fühlte das raue Holz des Türpfostens an ihrem Hinterkopf. Der Pfosten brauchte längst neue Farbe. Paul hatte das tun wollen. Sie schloss die Augen, während sie der fröhlichen Musik und der immer wiederkehrenden Ansage lauschte.

Augenblicklich waren die Bilder wieder da. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit und das Unglück war perfekt gewesen. Der freundliche Fahrer hatte gebremst und sie auf die Straße gewunken. Sie war losgefahren, hinunter vom Parkplatz. Ohne nach links zu sehen.

Das Krachen, mit dem das andere Auto gegen ihre Fahrertür geprallt war, hallte noch immer in ihren Ohren. Wie von einem Faden gezogen, war ihr Blick zum Seitenfenster gewandert. Verwundert hatte sie auf die silberne Motorhaube gestarrt, die aus dieser Perspektive unglaublich groß ausgesehen hatte. In ihrem Kopf hämmerte nur ein einziger Gedanke. Nein! Das durfte nicht wahr sein!

Die folgenden Sekunden waren in Zeitlupe abgelaufen. Wie in einem Film. Sie hatte sich gefühlt, wie unter einer Käseglocke, getrennt vom Rest der Welt. Alle Geräusche gedämpft und weit weg. Fremde Leute waren stehen geblieben und hatten sie angestarrt. Plötzlich war ein Rettungssanitäter da gewesen. Besorgt hatte sein Gesicht durch die Fensterscheibe gesehen. Er hatte gerade an einer Bratwurstbude seine Mittagspause gemacht. Ob es ihr gut ginge, hatte er gefragt.

Nein! Natürlich ging es ihr nicht gut. Ganz und gar nicht. Trotzdem hatte sie tapfer gelächelt, seine Hilfe abgelehnt und sich bei ihm bedankt. Dann hatte sie ihre Versicherungsdaten mit dem anderen Fahrer ausgetauscht. Die Polizei war auch da gewesen. Die freundlichen Beamten hatten beide Fahrer getadelt und sie belehrt, dass ihre Autos fahrbereit seien, deshalb müssten sie die Straße freimachen. Der Unfall sei nur eine Bagatelle, die es nicht einmal wert war, aufgenommen zu werden.

Eine Bagatelle! Annas Hand umklammerte den Telefonhörer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie hatte sich wieder in ihr Auto gesetzt und war langsam zur Werkstatt gefahren, während der Wind laut durch die kaputte Tür pfiff.

Wenigstens war Lena, ihre kleine Tochter, nicht mit dabei gewesen. Ihre Augen suchten im Halbdunkeln nach dem kleinen Gesicht mit den Pausbäckchen. Lena war ihr einziger Antrieb seit Pauls Tod. Ihre Gedanken kehrten zu dem entsetzlichen Tag zurück.

Das Jobcenter hatte es abgelehnt, die erhöhten Nebenkosten nachzuzahlen, also war ihre Mutter eingesprungen und überwies ihnen das fehlende Geld aufs Konto; leider ohne einen Verwendungszweck dazu zu schreiben. Dann war der verhängnisvolle Brief gekommen. Dass man das geschenkte Geld auf ihre Unterstützung anrechnen musste und es im folgenden Monat automatisch einbehalten würde. Paul hatte sich fürchterlich aufgeregt. Sein Gesicht war rot angelaufen, er hatte geschimpft und dann plötzlich nach Luft geschnappt. Ganz still war er geworden und auf seinem Stuhl zusammengesunken.

Der Notarzt war gekommen und hatte ihn mitgenommen. Vor Furcht um ihren Papa war Lena wie von Sinnen gewesen. Und Anna selbst auch, aber der Arzt im Krankenhaus beruhigte sie. Das sei keine große Sache, hatte er gesagt. Also hatte sie auf dem Flur gewartet, vor dem Fahrstuhl der zu den Operationsräumen hinunter führte, bis der Arzt zurückkam. Unerklärlich! So hatte er es ausgedrückt. Trotzdem war Paul tot. Seine Stimme auf dem Anrufbeantworter war alles, was ihr geblieben war.

Dann kam wieder ein Brief. Anna weinte. Das Jobcenter musste ihren Unterhalt kürzen, weil sie jetzt mit ihrer Tochter allein lebte. Auch Pauls Hälfte der Miete wurde gestrichen und sie mussten sich eine kleinere Wohnung suchen. Sie waren ja nur noch zu zweit.

Die Sachbearbeiter waren nett gewesen und bestürzt über Pauls Tod. Aber sie konnten nicht viel helfen. Das Gesetz ließ ihnen keinen Spielraum. Sie musste umziehen.

Die wenigen Freunde, die ihr nach dem Abstieg, den der Bezug von ALG II bedeutete, noch geblieben waren, halfen ihr und Lena. Und das Jobcenter zahlte die Kaution für die neue Wohnung. Als Darlehen. Die Raten wurden automatisch von ihrer Unterstützung abgezogen. Zusammen mit dem Teil von Pauls Unterhalt, der im Monat seines Todes schon ausgezahlt gewesen war.

Die Raten waren klein. Einmal zwanzig und einmal zehn Euro. Aber dreißig Euro vom Existenzminimum abgezogen zu bekommen, war ein Vermögen. Keine neue Hose für Lena. Und auch kein Besuch auf dem Kindergeburtstag ihrer einzigen Freundin. Wovon hätte sie ein Geschenk kaufen sollen? Außerdem konnte sie für Lena keine Geburtstagsfeier ausrichten. Zu teuer. Früher hatte das die Oma gemacht, aber die gab es inzwischen auch nicht mehr.

Heiß spürte sie die Tränen auf ihren Wangen. Unverwandt ruhten ihre Augen auf Lenas kleinem, bleichen Gesicht. Durch ihre verweinten Augen sah es ganz verschwommen aus. Dabei hatte es für einen Moment Licht am Ende des Tunnels gegeben.

Ihr war eine Stelle angeboten worden, trotz kleinem Kind. Halbtags nur, aber immerhin. Von dem Gehalt hätte sie sich sogar eine Betreuung für Lena leisten können.

Um das zu feiern, war sie mit ihrer Tochter in den Zoo gegangen. Lena war aufgeblüht. Aufgeregt war sie zwischen den Tierkäfigen hin und her gerannt, hatte Nüsse in den Affenkäfig geworfen und die Tiere im Streichelzoo liebkost. Sogar mit anderen Kindern hatte sie gespielt. Etwas, dass sie seit zwei Jahren nicht mehr getan hatte. Seit Pauls und ihrem Abstieg.

Und dann war heute wieder ein Brief gekommen. Von der Firma, die sie hatte anstellen wollen. Zerknittert lag er auf dem Küchentisch. ›…bedauern unendlich unsere Zusage zurückziehen zu müssen, da sie den im Vertrag zugesicherten PKW nicht mehr zur Verfügung haben.‹

Woher hätte sie die zweitausendfünfhundert Euro, die eine Reparatur des Autos gekostet hätte, denn nehmen sollen? Am Ende war sie froh gewesen, dass die Werkstatt das Abwracken kostenlos übernahm.

Natürlich hatte sie die Firma sofort angerufen. Dort hatte man Verständnis für sie, aber keine Hilfe. Am Ende waren ihr die Nerven durchgegangen. Sie hatte gebrüllt und war schließlich mit einem Weinkrampf am Tisch zusammengebrochen.

Lena hatte ihre kleinen Ärmchen um ihren Hals gelegt und versucht sie zu trösten. Aber das hatte ihren Schmerz nur verschlimmert. Was für eine Zukunft wartete auf ihre Tochter? Als Kind einer Hartz IV Empfängerin war sie stigmatisiert.

Gleiche Chancen! Die Tränen rannen ihr wie ein Wasserfall über die Wangen. Ein schöner Traum und eine Lüge. Für ihren Engel gab es keine Zukunft. Nicht einmal eine Lehrstelle würde sie hier bekommen, mit der Wohnadresse in ihrer Bewerbung. Dabei hatten Paul und sie sogar einmal den Traum gehabt, Lena studieren zu lassen.

In der Telefonleitung knackte es. Das unerträgliche Dudeln der Warteschleifenmusik hörte auf und eine Männerstimme meldete sich. Anna versagte die Stimme. Sie bemühte sich ihre Tränen hinunterzuschlucken.

»Hallo?«, tönte es ungeduldig aus dem Hörer.

»Ich…!« Ihre Knie drohten nachzugeben. Sie klammerte sich am Türrahmen fest und schluchzte laut.

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte die Stimme besorgt.

Wieso fragten die Leute das immer, wenn doch bereits klar war, dass nichts in Ordnung war? Anna brachte nur ein Flüstern zustande.

»Können sie bitte etwas lauter sprechen?«, bat der Mann am anderen Ende der Leitung.

Ihre Augen suchten nach dem kleinen Gesicht. Es war ganz friedlich. Lena würde nicht erfahren müssen, was ein Leben am Rande der Gesellschaft bedeutete. Wenigstens davor konnte sie ihre Tochter schützen. Anna fiel das Kissen aus der Hand. Langsam rutschte sie am Türrahmen hinunter. Diesmal war ihre Stimme laut und klar.

»Ich habe meine Tochter getötet.«

Ende