Helges große Story

Er starrte den Zettel an. Das karierte Stück Papier stammte ganz offensichtlich aus einem DIN A5 Heft. Es war achtlos herausgerissen worden. Der linke Rand war gezackt und eingerissen. Die Notiz auf dem Zettel war kaum noch zu entziffern. Man hatte den Zettel zerknüllt und außerdem war er nass geworden. Helge seufzte. Warum schrieben die Leute nicht mit Bleistift? Tinte! Wer schrieb den heute noch mit Tinte? Alles war zerlaufen. Das konnte der beste Restaurator nicht wieder herstellen. Vorsichtig strich er mit der flachen Hand über das Papier. Ziel – Wasserklecks – Montag, den 12.4 – Klecks – …sradieren.

In der Ecke darüber konnte er den Namen Hannes Evers erkennen. Autor und Umweltaktivist! Ganz an den Rand gequetscht stand da noch ›Golf‹. Was den ersten Teil der Nachricht betraf, war er sich sicher, was es zu bedeuten hatte. Aber wofür stand Golf? Ein Codewort, der Deckname einer Operation, ein Ort am Meer oder das Spiel? Helge legte den Zettel beiseite und nahm den Umschlag in die Hand. Er war an ihn adressiert. Persönlich! Eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, denn als freiberuflicher Journalist arbeitete er in seiner Wohnung und er lebte allein.

Seine Anschrift stand in Drucklettern auf einem Aufkleber der von einem Drucker beschriftet worden war. Der Absender war nicht genannt. Der einzige Hinweis war der Poststempel. Eine gewöhnliche Briefmarke, vor zwei Tagen in Oldenburg abgestempelt. Er griff zum Telefon. Sollte er wirklich die Polizei rufen? Der März war noch nicht ganz herum. Es blieb noch Zeit. Er ließ das Telefon auf der Station und lehnte sich zurück. Sein Blick wanderte durch sein Arbeitszimmer. Eigentlich war es nur ein halbes Zimmer. Außer dem Schreibtisch und einem alten Küchenstuhl war hier gerade einmal Platz für ein kleines Bücherregal. Gedankenverloren nahm er eine Handvoll Gummibärchen aus der Tüte und stopfte sie sich in den Mund.

Einmal eine richtige Story schreiben! Etwas womit man seinen Namen verband. Er schaute auf das alte Watergate-Foto. Seit er das erste Mal über den Verein der Taubensportler in seinem Heimatort berichtet hatte, stand dieses Bild seiner verehrten Helden auf seinem Schreibtisch. Da wollte er hin. Investigativer Journalismus! Er schob sich eine zweite Handvoll Gummibärchen in den Mund. Für die Polizei war immer noch Zeit. Er zog die Tastatur heran und verband seinen Rechner mit dem Internet. Bestimmt fand er hier einen Hinweis darauf, woran Hannes Evers gerade arbeitete.

*

Die Ausbeute war gigantisch und das war das Problem. Augenscheinlich hatte Hannes Evers sich gleichzeitig mit einer Menge wichtiger Leute angelegt. Unmengen von Artikeln und Blogs beschäftigten sich mit diesem Mann. Der hatte im Netz eine ganze Armee von Freunden, Fans und Feinden. Einige der letztgenannten drohten ihm ganz offen mit Gewalt. Ein paar dieser anonymen Beschreibungen waren direkt krank. Automatisch scrollte er zu der Darstellung zurück, die ihn am meisten schockiert hatte. Da beschrieb jemand, der sich ›Patriot‹ nannte, ganz detailliert, was er Hannes Evers antun wollte. Angefangen mit der vorausgehenden Entführung des Autoren. Zum wiederholten Mal kroch Helge eine Gänsehaut die Arme hinauf. Wem fielen solche Dinge ein und wie konnte man das in einen Text schreiben? Eigentlich war die Antwort ganz einfach, betrachtete man die Wahl der Worte und das, was der Schreiber über sich selbst preisgab. Ein kleines Licht aus der Mittelschicht, das Angst um seinen Job hatte.

Die Unternehmensbosse und Konsorten äußerten sich ausschließlich über ihre Anwälte und PR-Abteilungen. Das brachte ihnen unter Bloggern eine Menge Spott ein. Helge seufzte. Das waren jede Menge Möglichkeiten. Nicht die Hasstiraden der Normalen. Die hatten viel zu viel Angst, um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Aber Leuten, wie dem Chef einer großen deutschen Bank, einem Mineralölkonzern oder diesem empörten Liberalen traute er durchaus zu, dass sie einen Killer anheuerten. Nur wer von denen? Seine einzigen Hinweise – Golf, und das Datum – kamen in keinem Zusammenhang vor. Was konnte er jetzt noch tun? Doch die Polizei rufen? Er griff zum Telefon. Noch einmal zögerte er kurz, dann wählte er entschlossen eine Nummer.

»Hannes.«

Der Autor meldete sich nur mit seinem Vornamen. Seine Stimme klang heller, als sie sich im Fernsehen anhörte. Helge stellte sich vor und wurde freundlich unterbrochen.

»Für einen Interviewtermin wenden Sie sich bitte an meinen Agenten.«

»Nein!« Er schrie fast. »Bitte legen Sie nicht auf! Es geht um Ihr Leben!«

»Das ist nicht besonders komisch.«

Jetzt klang die Stimme verärgert. Helge schwitzte. Wenn der Autor auflegte, blieb ihm nur noch der Weg zur Polizei. Dann ade Story.

»Bitte… ein Informant hat mir Material zugespielt, das ziemlich eindeutig ist. Ich…«, rasselte Helge herunter.

»Informant? Material?«, unterbrach Hannes Evers ihn.

Helge atmete auf. Hannes Evers arbeitete ebenfalls zeitweilig als Publizist. Vielleicht hatte er Blut gewittert. Die Story war groß genug für sie beide und ihm schadete es bestimmt nicht, mit dem Namen Evers in Verbindung gebracht zu werden. Kurz und schnell skizzierte er sein Material. Sein Gesprächspartner sog scharf die Luft ein. Was ging jetzt in ihm vor? Helge fragte sich, was er an dessen Stelle jetzt fühlen würde.

»Haben Sie die Polizei informiert?«

Die kritische Frage. »Nein! Äh… ich…«, stotterte Helge verlegen.

Lachen dröhnte aus dem Hörer.

»Sie wollen die Story«, amüsierte Hannes Evers sich.

»Äh… ich… Ich meine natürlich…«, gestand Helge.

Seine Wangen glühten vor Scham. Was tat er hier? Er spielte mit dem Leben eines Menschen.

Das Lachen brach ab.

»Ok, Helge Stautmann, dann wollen wir mal was für Ihren Ruf tun. Aber wir tun es zusammen. Den Ruhm werden Sie mit mir teilen müssen.«

*

Er kam tatsächlich! Helges Mund wurde vor Aufregung trocken. Hannes Evers stellte das Auto auf dem Parkplatz der Universität ab. Er stieg aus und sah sich suchend nach allen Seiten um. Dann ging er zielstrebig auf die Tiefgarage zu. Einem plötzlichen Impuls folgend, spähte Helge über das Parkgelände. Was, wenn Evers schon verfolgt wurde? Weitere Autos fuhren auf das Gelände. Aber niemand schien sich für den Autor zu interessieren, der eben den Eingang zur Tiefgarage erreichte. Helge schüttelte den Kopf. Es war heller Tag! Die Sonne schien und überall schlurften Studenten herum. Selbst wenn der Killer dem Autor schon auf den Fersen war, das hier war kaum ein geeigneter Ort für einen Mord und außerdem stand das Datum ja fest. Er zeigte sich dem ziellos in der dämmrigen Garage herumirrenden Schriftsteller und winkte. Hannes kam näher. Er war nicht sehr groß, ein wenig füllig und hatte halblanges braunes Haar, das ihm wirr in die Augen hing. Wie immer trug er einen dunklen Anzug.

»Helge Stautmann?«

Der Autor blieb vor ihm stehen und streckte die Hand aus. Helge griff zu und schüttelte sie.

»Ja! Ich… Ich meine, es ist…«

Sein Gegenüber winkte ab. »Sparen wir uns das, okay?« Er grinste. »Schließlich gehen wir zusammen auf Verbrecherjagd. Du und ich. Nenn mich einfach Hannes.«

Helge nickte. Er fühlte sich wie betäubt. Gestern noch hatte sein Tag aus Kaninchenzüchtervereinen und Lokalsport bestanden und jetzt stand er neben Hannes Evers, einem bekannten Publizisten, um gemeinsam mit ihm eine Verschwörung aufzudecken.

»Kann ich die Sachen sehen?«, fragte Hannes.

Die Frage holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Helge griff in die Innentasche seiner Jacke und hielt Hannes den Zettel und den Briefumschlag entgegen. Er hatte beides sorgfältig in Plastikfolie eingeschweißt. Vielleicht fand die Polizei dann später noch brauchbare Spuren. Hannes nickte anerkennend. Dem Umschlag schenkte er nur einen kurzen Blick, dann las er die Nachricht.

»Und du hast keine Ahnung, wer dir das zugespielt hat?«

Helge schüttelte den Kopf. »Sagt dir Golf etwas?« Es war ein eigenartiges Gefühl Evers zu duzen.

»Golf«, sinnierte Hannes.

Seine Finger strichen über das Plastik. Er hob an den Kopf zu schütteln, hielt dann aber plötzlich inne. Einen Moment sah es so aus, als ob er einer Stimme tief im Inneren seines Kopfes lauschte. Helge wartete gespannt.

»Doch… Vielleicht…«, sagte Hannes leise und schaute sich um. Er schien sich auf einmal unwohl zu fühlen. »Lass uns hier verschwinden.« Er wandte sich einem der Türme zu, die in das Hauptgebäude der Uni führten. »Nachdem ich das gelesen habe, fühle ich mich hier im Halbdunkeln nicht besonders gut.«

Das konnte Helge gut verstehen. »Du… Ich meine, du hast gerade ausgesehen, als ob du doch eine Ahnung hast, wer das geschrieben hat.«

»Ja!«, seufzte Hannes.

Seine Stimme war leise. Er legte die Hand auf den Türgriff. Sie war nicht verschlossen. Hannes atmete auf. Drinnen war es nicht viel heller.

»Ich weiß, wer das geschrieben hat«, gestand er dann und ließ Helge den Vortritt.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Der Tritt in seine Kniekehle traf Helge vollkommen unvorbereitet.

Hart fiel er auf die Knie. Er stöhnte vor Schmerz und Schreck. Etwas berührte seinen Hals. Etwas Raues. Seine Hände fuhren hoch und wollten es wegwischen. Aber dazu lag es bereits zu fest an seinem Hals und drückte ihm die Luft ab. Hannes Atmem streifte seine Wange.

»Es tut mir leid«, flüsterte Hannes heiser.

Panik griff nach ihm. Mit beiden Händen versuchte er den Strick zu packen, der sich um seinen Hals zuzog. Gleichzeitig strampelte er mit den Beinen, um auf die Füße zu kommen.

»Halt still, dann dauert es nicht lange«, tröstete Hannes emotionslose Stimme.

Das Blut rauschte in Helges Ohren und sein Herz schlug wie rasend gegen seine Rippen. Gierig versuchte sein Mund Luft einzusaugen, aber nichts kam durch den Hals. Der Strick drückte ihm die Luftröhre zu. Panisch versuchte er zu schreien. Kein Laut kam von seinen Lippen. Hilflos strampelte Helge mit Armen und Beinen. Hannes Evers Griff war nicht zu brechen. Tränen liefen Helge über die Wangen, während er das Gefühl für seine Glieder verlor, dann knackte etwas in seiner Kehle. Gleich darauf fielen die Enden des Stricks lose auf seinen Rücken. Hannes Evers hatte ihn losgelassen. Trotzdem bekam er keine Luft. Hart fiel Helge zu Boden. Mit weit aufgerissenem Mund rang er erfolglos um Atem. Vor seinen Augen öffnete sich ein dunkler Strudel. Dankbar sank Helge hinein.

*

Hannes streifte sich ein paar Latexhandschuhe über und beugte sich über den toten Körper. Er nahm den Strick auf, eine gedrehte Kordel mit einem fransigen Bommel am Ende, und stopfte ihn achtlos in seine Tasche. Aus seiner Jacke zog er eine Tüte, in der eine zweite Kordel steckte. Identisch mit der, die Helges Leben beendet hatte. Er drückte sie dem Toten in die Hand. Dann entfernte er die Plastikhüllen um den Zettel und den zugehörigen Briefumschlag und verstaute beides in Helges Jacke.

Die Folien und die Mordwaffe wanderten in seine Jackentasche. Ein letztes Mal blickte er auf sein Opfer hinab, dann schlüpfte er durch die Tür zurück in die Tiefgarage. Sorgfältig verschloss er sie von außen, dann sah er sich prüfend um. Er vergewisserte sich ein weiteres Mal, dass es hier keine Kamera gab, dann lief er auf den Parkplatz hinaus. Er schritt einen Moment auf und ab, blickte sich suchend um und sah immer wieder auf seine Uhr. Schließlich zuckte er mit den Schultern und stieg in seinen Wagen. Jetzt fehlte nur noch das letzte Stück der Scharade.

*

»Helge Stautmann sagen sie?«, fragte der Polizeibeamte in Zivil.

Hannes Evers, der dem Polizisten an dessen Schreibtisch gegenüber saß, nickte.

»Er ist Journalist, ein Kollege gewissermaßen.«

»Haben sie es bei ihm zu Hause versucht?«

»Ich weiß nicht wo er wohnt«, log Hannes.

»Sie wollen einen Fremden, den sie noch nie gesehen haben und den sie nicht kennen als vermisst melden, weil er nicht zu einem telefonisch vereinbarten Treffen erschienen ist?«, vergewisserte sich der Polizist.

Hannes nickte bestimmt.

»Er hat mich um ein Treffen gebeten, weil er von einem Informanten Hinweise darauf hatte, dass mein Leben in Gefahr ist«, fügte er hinzu.

»Wenn sie diese Information ernst nehmen, wieso haben sie sich dann nicht an uns gewandt?«, erkundigte der Polizist sich leidenschaftslos.

»Ich bin Journalist«, antwortete er schlicht, als ob das zur Erklärung ausreichte.

»Und ein ziemlich bekannter!«, stellte der Beamte fest. »Vielleicht haben sich ein paar Studenten einen Spaß mit ihnen erlaubt, sie zu dem Treffen gelockt und amüsiert beobachtet, wie sie herumgeirrt sind auf der Suche nach dem Kollegen mit der brisanten Information. Immerhin sollte das Treffen auf dem Universitätsgelände sein, oder?«

Auf seinen Vorschlag hin, dachte Hannes und überlegte einen Augenblick, ob er das dem Beamten sagen sollte. Entschied sich aber dann dagegen. Schon bald würde man Helge Stautmanns Leichnam finden und dann würde die Geschichte ihren Lauf nehmen, also nickte er langsam.

»Dann schaue ich wohl besser auf Youtube nach, ob man sich bereits über mich lustig macht«, meinte er mit säuerlicher Miene.

*

Draußen blieb er einen Moment stehen und zündete sich eine Zigarette an. Das sollte ausreichen damit die Sache ihren Lauf nahm. Aus der Indizienkette, die er aufgebaut hatte, und deren letzter Baustein der Mord an Stautmann war, konnte sich die Zielperson nicht herauswinden. Ihre Fingerabdrücke waren auf der Mordwaffe und auch auf dem Zettel, den man bei Helge finden würde. Der Zettel aus dem Helge auf den geplanten Mordversuch auf ihn – Hannes Evers – geschlossen hatte. Ein unwiderstehlicher Köder für jeden Journalisten. Hannes selbst hatte das Papier aus dem Büro der Zielperson geholt und den Text geschrieben.

Da die Zielperson außerdem für den Zeitpunkt des Mordes kein Alibi hatte, war der Mann ausreichend kompromittiert, dass ihm niemand glauben würde, dass nicht er es gewesen war, der die Waffenverkäufe im letzten Krieg am Golf politisch abgesegnet hatte. Hannes Auftraggeber, den er nur unter dem Namen ›die Maus‹ kannte, würde zufrieden sein. Wie immer. Pfeifend spazierte Hannes Evers zu seinem Auto.

*Ende*