Frühstück an der Weser

Frühstück an der Weser

Ihm war kalt. Er drehte sich auf die Seite und zog die Beine an. Eigentlich war es noch zu früh um aufzustehen. Es war ja noch nicht einmal richtig hell.

Andererseits, hier liegen bleiben und erfrieren war auch keine gute Idee. Olsen setzte sich auf und griff zur Flasche. »Hallo Rosso, mein bester Freund«, grüßte er sie. »Verschaff mir die Illusion von Wärme.«

Er trank einen Schluck des würzigen Wermut. Es funktionierte. Sein Magen meldete Wärme und der Rest ließ sich täuschen. Einen Moment überlegte er, ob er sich wieder hinlegen sollte. Vielleicht war dann alles bald vorüber.

Ob er wohl eine Meldung in der Zeitung wert wäre? Nicht in der Bild, da war er sicher. Vielleicht aber im Lokalteil des Weserkurier? Wer weiß.

Aber soweit war er noch nicht. Mit einem Ruck richtete er sich auf. Die Zeitungen, die er als Isolierung in seinen Schlafsack gestopft hatte, fielen heraus, als er sich aus dem engen Schlauch befreite.

Einen Teil stopfte er zurück. Ein oder zwei Mal ließen sich die Schnipsel noch benutzen. Sorgfältig rollte er seine Habseligkeiten wieder zusammen und machte sich auf, um den Sonnenaufgang an der Weser zu begrüßen.

Ein kleiner Umweg durch die Pappelstraße konnte sich lohnen. Der Garde Bäcker bekam bald seine Lieferung. Manchmal fielen dem Fahrer Brötchen von den Blechen, wenn er sie an den Mülltonnen vorbei, zum Hinterausgang der Bäckerei, schob. Die Verkäuferinnen hatten ihm erlaubt, sich die mitzunehmen.

*

Es war noch dunkel, als er am Osterdeich ankam. Er verließ die Friedrich-Ebert-Straße und ging die Treppe zur Promenade hinunter. Hier hatte er gestern Abend beobachtet, wie einem jungen Mädchen ein Deoroller aus der Sporttasche gefallen war.

Er hatte ihn aufgehoben und war ihr nachgelaufen, um ihn ihr zurückzugeben. Sie hatte ihn nicht wieder haben wollen. Der Ekel in ihren Augen verfolgte ihn noch immer.

Vor fünf Jahren wäre das noch anders gewesen. Damals, als er noch Dr. Ing. Peter Olsen war. Ingenieur im KKE, dem Kernkraftwerk Emsland.

Aber wenigsten hatte er jetzt einen Deoroller. Jasmin war zwar eigentlich nie seine Duftnote gewesen, aber lieber roch er nach Jasmin, als ständig den Odem der Straße in der Nase zu haben.

Er setzte sich auf die unterste der Steinstufen und holte das bunte Taschentuch heraus, das ihm als Tischtuch diente. Sorgfältig legte er es neben sich und beschwerte es in der Mitte mit seinem Glücksstein.

Den hatte einmal eine Frau nach ihm geworfen. Der Stein hatte ihn verfehlt und soviel Glück hatte er nicht immer. Seitdem war es sein Glücksstein.

Er legte das Brötchen daneben, das er beim Bäcker neben dem Mülleimern gefunden hatte. Dazu kam eine Bifi, ein Fundstück vom Spielplatz einer Grundschule, ein Päckchen Essigchips aus einem Abfalleimer des Cinemaxx und, als Krönung, ein bisschen kalter Kaffee, den er sich in einem alten Flachmann aufbewahrt hatte.

Ein ordentliches Frühstück! Er musste an seine Oma denken, die immer von den letzten Jahren des Krieges erzählt hatte. Was sie damals alles getan hatten, für ein wenig Essen. Einmal war sie sogar einem amerikanischen Soldaten in sein Auto gefolgt, für eine warme Mahlzeit und ein Päckchen Zigaretten, die sie dann auf dem Schwarzmarkt getauscht hatte.

Gut, dass Oma seinen Absturz nicht mehr miterleben musste. Als sie starb war er für sie der Held gewesen. Der Junge, der was aus seinem Leben gemacht hatte.

Nie hätte sie sich vorstellen können, dass es in Deutschland möglich war, aus dem sozialen Netz herauszufallen. Er selbst hatte das auch nicht für möglich gehalten. Danke dafür, Schröder, dachte er.

Bis er dann den Fehler beging, darauf zu bestehen, dass man jeden angezeigten Störfall melden müsse. Heute wusste er es besser. Wenn der Schichtleiter sagte: ›Es gibt keine Störung in der Reaktorkammer, die wir für den Quartalsbericht des Bundesamtes für Strahlungsschutz festhalten müssen‹, dann hatte es dort auch keine gegeben. Basta!

Deswegen frühstückte er jetzt an der Weser.