Ein unwillkommener Zaunkönig

Veras Mund war voller Schrauben. Das sah gruselig aus. Matthias betrachtete seine Frau, die noch immer aussah wie Anfang zwanzig. Langes, dunkelblondes Haar, das sie immer wieder mit einem Lockenstab bearbeitete, weil sie sich Locken wünschte, große blaue Augen und der sinnlichste Mund, den man sich vorstellen konnte. Wenigstens wenn er nicht voller Schrauben war.

Von unten schaute er auf ihre schlanken Beine und den entzückenden kleinen Bauch. Sie stand ganz oben auf einer Trittleiter, in der Hand ein Ungetüm von Bohrmaschine, statt des handlichen Akkuschraubers, den er bevorzugte.

›Spielzeug‹, schnaubte sie immer, wenn sie ihn damit arbeiten sah. ›Kein Wunder, dass du nichts an die Wand bekommst, geschweige denn, eine Lampe an die Decke.‹

»Papa«, quengelte Nele neben ihm. »Was ist das für ein Buchstabe.« Er wandte sich dem Schulheft seiner Tochter zu, deren Zeigefinger auf ein großes B zeigte. »Dieser halbe Schneemann«, fügte sie hinzu.

»Das ist ein B, Nele«, erklärte er geduldig. »Schau…« Er deutete auf das kleine b, »genau so, nur dass dieses B groß geschrieben ist.«

Sie seufzte und rieb sich die blauen Augen. Das einzige, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Leider! So schön wie Vera würde sie nie werden. Dazu kam sie zu sehr nach ihm. Ein kleiner, dicker Moppel.

*

Vera nahm die Schrauben aus dem Mund und legte sie zu den Dübeln in die Ablage. Dann suchte sie sich einen sicheren Halt auf der Leiter. Zum Bohren brauchte sie beide Hände, denn die Decke war aus massivem Beton.

Sie stellte die Maschine auf Schlagbohren, setzte den richtigen Bohrkopf ein und drückte auf Power. Über Kopf zu arbeiten, war mal etwas anderes. Ein schöner Ausgleich zu der gebückten Haltung, die sie während der letzten beiden Wochen auf der Ausgrabung hatte einnehmen müssen.

Die Grabung lag in einem Industriegebiet. Wie so oft. Und natürlich war es eine Notgrabung. Der Fundort war ihnen seit Jahren bekannt gewesen. Aber man hatte ihn unangetastet gelassen, weil dem Landesarchäologen Personal und Geld für Ausgrabungen fehlten.

Jetzt sollte dort gebaut werden. Ein Industriegebiet, mit Anbindung an die Autobahn. Also meldete man die Grabung flugs an, um wenigstens ein paar Befunde und Erkenntnisse zu sammeln, denn natürlich bekam man viel zu wenig Zeit, um alle Fundstücke zu bergen. Und das Geld fehlte weiterhin.

Vieles würde im Boden bleiben. Versiegelt unter Asphalt und Beton, bis für ihren Berufsstand eine glücklichere Zeit anbrach. Oder Aliens nach den Überresten der menschlichen Zivilisation gruben.

Gut, dass sie die Brille aufgesetzt hatte. Es staubte beachtlich, wenn man sich so unmittelbar vor der eigenen Nase durch den Beton grub. Die Maschine vibrierte in ihren Händen, während sich der Bohrkopf langsam weiter in die Decke fraß.

Sie übte gerade soviel Druck auf die Maschine aus, wie nötig war, damit sie nicht wegrutschte. Den Rest machte der Bohrer allein. Das war etwas, dass Matthias nie begreifen würde. Er drückte stets mit aller Kraft gegen die Maschine.

Als sein Akkuschrauber ihm das letzte Mal wegrutschte, fiel er dabei von der Leiter, verstauchte sich die Hand, zertrümmerte einen Glastisch und versenkte seinen Aukkuschrauber im Sofa. Seitdem hatte er absolutes Handwerksverbot.

Sie setzte den Bohrer ab und prüfte die Länge des Lochs. Ausreichend. Die Bohrmaschine legte sie auf dem Küchenschrank und nahm einen Dübel aus der Ablage. Das Ding sah aus wie ein Torpedo.

Torpedo! Seit der Besprechung am Morgen kreisten ihre Gedanken um das verdammte Wort. Malte, das war der Landesarchäologe und ihr Chef, war am Morgen aufgelöst zu ihr gekommen. Zusammen mit einer der Aushilfskräfte. Einen, den das Jobcenter geschickt hatte und der ein Fan der Waffensysteme des zweiten Weltkriegs war.

Dummerweise hatte er ein Metallteil, das eigentlich als kontaminierendes Neuzeitdings auf dem Müll landen sollte, als das Bruchstück eines Zaunkönigs erkannt.

Zaunkönig war der Deckname einer Torpedo Neuentwicklung der Kriegsmarine der Wehrmacht gewesen. Sie hatte keine Ahnung, wie das Ding auf ihre Ausgrabung kam. Soweit sie wusste, war dieser G7 Typ in der Torpedoversuchsanstalt in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia in Polen, entwickelt worden.

Eigentlich müsste sie in so einem Fall das Denkmalamt verständigen und die würden den Kampfmittelräumdienst über den Fund informieren. Und wenn die zu dem Schluss kamen, dass auf der Grabung weiteres Kriegsgerät liegen könnte, wäre das Ende der Ausgrabung. Kampfmittelräumer nahmen keine Rücksicht auf fragile Bodenfunde und kaum sichtbare Spuren. Wo die einmal drüber getrampelt waren, war es vorbei mit verwertbaren Funden. Nur Raubgräber waren schlimmer!

Sie drückte den zweiten Dübel in die Decke. Glücklicherweise bezahlte das Jobcenter den Mann schlecht. Für hundert Euro Schwarzgeld, war er nur zu gern bereit gewesen, seinen Mund zu halten.

Sie fischte die Deckenlampe vom Schrank und verband die entsprechenden Kabel miteinander. Malte war einverstanden gewesen, alles unter den Tisch zu kehren. Und er hatte auch keine Einwände als sie vorschlug, das Planquadrat, in dem sie das Bruchstück gefunden hatten, aus der Grabung herauszunehmen. Sie mussten ohnehin eine Auswahl treffen.

Die Fundstelle des Zaunkönigs würde unter einem Lager für landwirtschaftliche Maschinen verschwinden und wenn da tatsächlich noch mehr Zeugs herumlag, dann konnte es weitere dreißig, vierzig oder mehr Jahre in Frieden ruhen, bis vielleicht besagte Aliens es ausgruben.

Sie nahm den Schraubendreher aus der Tasche ihrer Latzhose und schraubte die Fassung an der Decke fest. Zuletzt drehte sie die Glühlampe hinein und rief: »Testen!«

»Ich will! Ich will!«, krähte Nele und rannte zum Schalter. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte gegen den Knopf. Die Lampe leuchtete. Zufrieden nahm sie die Bohrmaschine und kletterte die Trittleiter herunter.

»Perfekt!« Matthias strahlte sie an. »Gut, dass wir so eine patente Mami haben.« Er griff nach ihr und hob sie von der Leiter herunter.