Der Sweeper

Ich sehe Dich! Das wird das Letzte sein, das du hörst, wenn ich komme um dich zu holen. Und das werde ich. Aber keine Angst, ich zeige mich dir, bevor ich dich auslösche. Ja auslösche, nicht einfach nur töte. Denn du wirst aufhören zu existieren. Nichts wird von dir bleiben. Nicht einmal Spuren im Internet.

*

Der Donner rollte langsam heran und steigerte sich zu einem ordentlichen Wumms, dem ein greller Blitz folgte. Genau das richtige Wetter um Dead Frontier zu spielen. Isaak verstaute seinen Proviant auf dem kleinen Tisch neben seinem Computer und plumpste auf seinen Stuhl. Noch ein prüfender Blick in die Runde. Die Tür gegenüber fest geschlossen und vor dem Schreibtisch ein behagliches Chaos. Hinter ihm das Fenster geöffnet und die Vorhänge zugezogen. Proviant und Getränke bereit. Gut! Es konnte losgehen.

Isaak löschte die Lampe auf seinem Schreibtisch, setzte den Kopfhörer auf und öffnete die erste Tüte Chips. Seinen Avatar hatte er außerhalb der Zuflucht abgespeichert. Er musste also aufpassen, wenn er sich einloggte. Ungeduldig verfolgte er das Laden des Spiels, bis schließlich Fairview vor ihm erschien. Die virtuelle Stadt, die er mittlerweile besser kannte, als seine Stadt in der realen Welt.

Er liebte das düstere Szenario. Überall Zerstörung und eine tiefe Dunkelheit, die hin und wieder von einem brennenden Auto oder dem tanzenden Kegel einer Taschenlampe erleuchtet wurde. Vorsichtig steuerte er Hawk, wie er seinen Avatar genannt hatte, durch die dunkle Gasse. Er hörte Schritte. Gerade am Rande der Hörgrenze. Aufmerksam starrte er auf den Bildschirm. Die Schritte wurden lauter, aber wo kamen sie her?

Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung. Reflexartig drehte er den Kopf, dabei verrutschte sein Kopfhörer. Hektisch zog er ihn wieder gerade und suchte mit den Augen den Bildschirm ab. Da, ganz am Rand stand ein Zombie, aber der hatte ihn noch nicht gesehen. Er steuerte Hawk in den Schatten und versteckte sich. Noch immer hörte er die Schritte. Sie waren hinter ihm und sie wurden lauter. Er unterdrückte den Impuls sich zum Fenster umzuwenden.

Das da draußen war nur ein Spaziergänger, der vorbeiging. Mann, knall deine Hacken nicht so ins Pflaster, dachte er ärgerlich. Der Zombie kam wieder ins Bild. Offenbar hatte die Kreatur etwas bemerkt, denn sie torkelte suchend herum. Langsam zog er Hawk zurück. Es war schwer genug gewesen, das neunzigste Level zu erreichen. Seit er über das einundfünfzigste hinaus war, ging es nur noch schleppend voran.

Der Zombie taumelte hinter einen löchrigen Bretterzaun. Er agierte geschickt. Gar nicht wie ein typischer NPC. Hawk wechselte sein Versteck, dazu bewegte er sich unter einem baufälligen Türsturz hindurch in einen Raum. Hier stand er wenigstens mit dem Rücken zur Wand.

Sanft, wie ein Streicheln, fühlte Isaak Atem im Nacken. Hinter ihm war doch die Wand. Nein! Die war hinter Hawk. In seinem Rücken befand sich ein offenes Fenster. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Schritte verstummt waren.

Idiot, ärgerte er sich. Sein Zimmer lag in der ersten Etage. Wie sollte da wohl ein Zombie hochkommen? An der glatten Wand hinaufklettern? Außerdem stand das Fenster nur auf Kipp. Er trank einen Schluck Cola. Auf dem Bildschirm spähte Hawk auf die Gasse hinaus. Unwillkürlich beugte Isaak sich auf seinem Stuhl zur Seite und legte den Kopf schief. Die Straße war leer.

Seine Hände schwebten über der Tastatur. Er steuerte lieber über die Tasten, da war er ein Dinosaurier. Sollte er weitergehen oder umkehren und einen Bogen um die Gasse machen? Hawk zog seine Waffe und Isaak entschied weiterzugehen.

Jemand berührte ihn am Ellbogen. Ganz kurz nur. Eigentlich war es mehr ein Antippen, dann zog ein Finger eine Linie über Isaaks Oberarm. Er keuchte. Langsam drehte er sich mit seinem Stuhl um.

Der Vorhang bauschte ihm entgegen. Mit beiden Händen versuchte er den Stoff zu bändigen. Die Füße nahm er nur aus den Augenwinkeln wahr. Eng ans Fenster gedrückt, stand jemand hinter dem Vorhang.

Isaak stolperte und fiel aufs Knie. Erneut wehte ihm der Vorhang ins Gesicht und nahm ihm die Sicht. Und die Luft. Panisch wischte er ihn mit beiden Händen zur Seite. Jetzt packte jemand sein Handgelenk. Er wehrte sich. Mit einem Ratsch fiel die Kordel, die den Vorhang tagsüber geöffnet hielt, auf den Boden. Endlich bekam er den Blick frei und vor ihm standen – seine Stiefel!

Er hatte sie vom Besohlen abgeholt und ins Arbeitszimmer geworfen, weil er knapp in der Zeit gewesen war. Mann! Isaak rappelte sich auf und warf einen Blick auf den Monitor. Hawk ging es gut. Er schloss das Fenster, zog den Vorhang wieder zu und setzte sich.

Jetzt blickte Hawk ihn an. Irgendwie hatte der Avatar sich umgedreht. Wahrscheinlich war er mit der Hand an die Maus gestoßen, als er sich umwandte um das Fenster zu schließen. Isaak stopfte sich eine Handvoll Chips in den Mund und sah sich nach dem Zombie um. »Wo bist du?«, murmelte er.

»Fast bei dir«, flüsterte Hawk.«

Was war denn das jetzt? Halluzinierte er oder gehörte das zum Spiel? Unvermittelt stöhnte der Zombie und füllte fast sein ganzes Bild aus. »Scheiße!« Dieser blöde Vorhang kostete ihn noch das Leben. Er steuerte Hawk zurück auf den Weg und visierte die Zuflucht an. Er musste sich besser vorbereiten.

»Dazu ist es zu spät«, kicherte Hawk und enterte die Zuflucht.

Das fand Isaak jetzt irgendwie blöd. Hawk sollte nicht von allein reden. Er war Hawk. Vielleicht sollte er ein Ticket an den Support schreiben, dass er das nicht gut fand. Oder zuerst in seinem Forum nach Gleichgesinnten suchen, dann konnten sie einen Shitstorm starten. Ja, das war besser. Auf seine Meinung allein legte niemand Wert, aber der geballten und anonymen Macht der User entzog man sich besser nicht, wenn das Emailpostfach oder der Server intakt bleiben sollten.

Jemand lachte. Nein, nicht jemand. Hawk! Er hatte die Zuflucht wieder verlassen, ohne dass Isaak die Tastatur angefasst hatte. Das ging entschieden zu weit! Oder war am Ende sein Account gehackt geworden?

Das Lachen dröhnte in seinen Ohren und der Avatar verzog sein Pixelgesicht. Wie war das möglich? Das musste im Programmcode stehen. Das war kein einfacher Hack. Jemand hatte einen Virus eingeschleust. Ausgerechnet jetzt klingelte sein Smartphone. Mit einer Hand fischte er es unter der Schachtel mit den Oreos hervor und schaute auf das Display. Na super, Nummernunterdrückung. Wie sollte er da wissen, ob er rangehen musste?

»Kuckuck!«, tönte seine eigene Stimme aus dem Kopfhörer.

Unwillkürlich schaute er Hawk an. Sein Avatar hatte den Daumen und den kleinen Finger der rechten Hand abgespreizt und hielt die Hand gegen sein Ohr. Wurde er jetzt wahnsinnig? Das blöde Smartphone hörte nicht auf zu klingeln.

»Was?«, bellte er hinein.

»Ich sehe dich.«, flüsterte eine Stimme. Heiser, wie mit einem Stimmenmorpher verzerrt. »Arschloch!«, fluchte Isaak und drückte den Anruf weg.

»Wie unhöflich.«, kommentierte Hawk.

»Wer bist du, Arschloch?«, knirschte Isaak. Wenn das Ganze ein Hack war, dann hatte der Hacker auch seine Webcam unter Kontrolle, schoss es ihm durch den Kopf.

»Du kennst mich doch.«, säuselte Hawk. »Ich bin du.«

Isaak riss ein Stück von der Alufolie der Kekse ab und befestigte es vor der Webcam. »So!«, damit hatte er den Spion ausgesperrt. Jetzt musste er sich nur noch Hawk zurückholen, aber dazu brauchte er die Hilfe des Supports.

Sein Smartphone summte. Unwillkürlich wanderten seine Augen zu dem kleinen Display. Eine SMS öffnete sich.

»Ich sehe dich immer noch«, stand da.

Auch sein Smartphone hatten die, oder er oder sie. Wie auch immer. Das wurde langsam ungemütlich. Er tat etwas, dass er noch nie zuvor getan hatte. Er schaltete sein Smartphone aus und nahm den Akku heraus. Aber was jetzt?

»Spielen«, schlug Hawk vor. »Wie wäre es, möchtest du wirklich ins Spiel eintauchen? Hier an meiner Stelle gegen die Verseuchten kämpfen?«

Isaak klickte auf Spiel beenden. Nichts geschah. Sein Rechner war gekapert. Das war ein Alptraum! Wen sollte er anrufen, wer konnte ihm helfen?

»Niemand«, lachte Hawk.

Isaak wollte aufspringen, aber etwas umklammerte seine Handgelenke und zwang sie über der Tastatur zu verharren. Isaak schaute vor sich. Zwei Hände ragten aus der Tastatur heraus. Kräftige Hände, die in dunklen Handschuhen steckten. Hawks Hände! Isaak erkannte die Handschuhe. Die Hände seines Avatars ragten aus der Tastatur heraus und hielten ihn fest. Isaak kniff die Augen zusammen. Das konnte nicht sein. Er halluzinierte oder hatte ihm jemand Drogen untergeschoben?

»Bleib!«, kommandierte Hawk und lachte. Ein hässliches, ein böses Lachen.

Isaak wollte schreien, aber kein Ton kam aus seinem Mund. Stattdessen stand im Chat »Hawk shrieks«, dabei dröhnte ein Lachen durch den Kopfhörer. Jetzt änderten sich die Worte im Chat. »Isaak shrieks«, stand nun dort und er hörte seine Stimme gellend schreien. Erst vor Angst, dann vor Schmerz. Etwas zog an ihm. Es fühlte sich an, als ob man ihm die Organe herausriss, aber zentimeterweise. Seine Schreie steigerten sich zu einem hohen Diskant.

»Na, na«, tröstete Hawk. »Hast du dir das nicht immer gewünscht? Ein wirkliches Leben, so wie Hawks. Wo etwas passiert.«

Isaak verlor das Bewusstsein. Aber nicht lange. Jemand schlug ihm mit einem Brett vor den Kopf. Wenigstens fühlte es sich so an. Er öffnete die Augen und sah eine Holzwand auf sich zukommen. Erst jetzt spürte er, dass er stand und seine Beine sich bewegten. Isaak wollte die Hände heben, um den Zusammenprall abzumildern, aber sie gehorchten seinem Befehl nicht. Sein Körper knallte gegen die Wand.

»Ah, du bist wieder da«, hörte er seine eigene Stimme rund um sich herum. Er wollte sich die Ohren zuhalten, aber seine Arme gehorchten ihm noch immer nicht. Stattdessen drehte er sich um und starrte in sein eigenes Gesicht. Es lachte und winkte vor dem Hintergrund seines Zimmers.

»Nein«, stammelte Isaak. Er wollte zurücktaumeln, konnte sich aber nicht bewegen.

»Warte. Ich helfe dir«, grinste sein Ich in der realen Welt, legte die Hände auf die Tasten und schon bewegte Isaak sich rückwärts.

»Mache ich es richtig?«, erkundigte sein Gesicht sich heuchlerisch. »Ich habe auf dieser Seite nicht so viel Erfahrung, weißt du. Noch nicht.«

Isaak fühlte sich vorwärts bewegt, steppte zur Seite und drehte eine vollendete Pirouette.

»Das macht richtig Spaß«, freute sich sein Avatar vor der Tastatur sich. »Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben.«

»Gib mich mir zurück!«, forderte Isaak, der geweint hätte, wenn sein Pixelgesicht das zugelassen hätte.

»Oh, das könnte ich natürlich. Aber ich will nicht.« Das Gesicht vor dem Bildschirm, das eigentlich sein eigenes war, grinste böse. »Ich will dich auslöschen.«

»Ich will nicht sterben«, jammerte Isaak. Warum konnte er aus diesem verfluchten Traum nicht aufwachen?

»Ich werde dich nicht einfach töten«, versprach sein Alter Ego. »Ich lösche dich aus. Komplett! Tilge jede Spur von dir.«

»Warum? Wer bist du? Was habe ich dir getan?«, brach es aus Isaak heraus.

»Nichts, außer mir die Macht dazu gegeben, als du dein Leben in Information verwandelt hast. Ich lösche die Information, dein digitales Ich und damit ist dieser Körper überflüssig. Man wird ihn irgendwo finden – vielleicht – und als Namenlosen verscharren, den Rest besorgen die Würmer. Denen ist es sowieso egal wie ihr Essen heißt.«

Isaak fühlte sich herumgedreht. Seine Beine marschierten los, die dunkle Gasse entlang. Direkt auf eine Gruppe Zombies zu.

»Nein, Hawk«, bettelte er.

»Nenn mich nicht so«, herrschte sein Avatar ihn an und steuerte ihn weiter auf die Gruppe zu. Sie entdeckten ihn und wandten sich ihm zu. Er hörte ihr Stöhnen, sah ihre toten Augen und die steifen Glieder. Unendlich langsam wankten sie auf ihn zu. Ein Teil seines Gehirn registrierte, dass sie nicht stanken. Also war das doch ein Traum, hoffte er.

»Ich fange nebenbei schon einmal an, deine Existenz im Netz zu löschen«, plapperte sein Peiniger. »Das stört dich doch nicht, oder?«

Kein Traum! Das war kein Traum. Die Zombies wurden größer. Er konnte Details erkennen. Es war widerlich.

»Lass mich fliehen«, bettelte er.

»Warum?«

»Bitte! Ich habe immer auf dich aufgepasst«, jammerte Isaak,

»Hast du nicht«, stellte sein Avatar, der in seinem Körper steckte, klar.

Der erste Zombie grapschte nach ihm. Sein Körper wich aus. »Gib mir wenigstens meine Waffe«, forderte Isaak.

»Wieso?« Die Hand, die eigentlich Isaak gehörte, griff in die Chipstüte. »Die Zombies haben doch auch keine.«

Faulige Hände legten sich auf seine Arme und rissen an ihnen.

»Aber sie können sich bewegen«, heulte Isaak, während ruinierte Zähne sich in sein Fleisch gruben.

»Das ist ein Argument.« Sein Alter Ego schob sich eine weitere Handvoll Chips in den Mund und zerbiß sie geräuschvoll.

Das Knacken harmonierte mit dem Brechen von Isaak Rippen. Es tat entsetzlich weh, aber wenigstens bewegte sein Pixelkörper sich jetzt. Er versuchte zu fliehen, aber die Zombies hatten ihn eingekreist. Sie grapschten und bissen und brachten ihn schließlich zu Fall.

»Genieße deine letzten Sekunden«, flüsterte das Monster an der Tastatur, das noch immer sein Gesicht trug. »Das da ist der Rest von dir. Im Netz gibt es ansonsten keine Spur mehr von dir.«

Isaak fühlte nur noch Schmerz. Es gab für ihn keine gnädige Bewusstlosigkeit und auch kein helles Licht am Ende eines Tunnels. Nur noch Agonie und dann tiefe Dunkelheit und Vergessen.

Emotionslos folgte das Monster an der Tastatur dem Geschehen. Isaaks Ende war einsam und ruhmlos. Niemand scherte sich um den schnell verblassenden Matschfleck, der sein Pixelkörper gewesen war.

Jetzt musste er nur noch das Schild an der Haustür entfernen, die wenigen Papiere vernichten und diesen Körper entsorgen. Er würde zu einer weiteren namenlosen Wasserleiche werden. Die Wohnung würde man spätestens in zwei Monaten auflösen, wenn niemand mehr die Miete bezahlte. Woher sollte die auch kommen, es existierte ja kein Bankkonto mehr.

Am Ende des nächsten Tages betrat Isaaks Mörder dessen Wohnung ein letztes Mal, um in seine digitale Welt zurückkehren. Auf der Suche nach dem nächsten Kandidaten für die Auslöschung.

Isaak vermisste niemand. Die Wenigen, die ihn in der Realität gekannt hatten, vergaßen ihn und nach weniger als einem Monat hatte er aufgehört zu existieren. Oder erinnerst du dich noch an Isaak Bauer? Nein? Natürlich nicht, denn ich bin gründlich. Glaubst du den Mythos, dass das Netz unsterblich macht? Früher vielleicht! Aber jetzt nicht mehr. Jetzt bin ich da. Du darfst mich Sweeper nennen und…

ICH SEHE DICH!