Der Schakal beim Friseur

Eine Lichtschranke! Die stand nicht in den Notizen. Anscheinend hatte man sie später hinzugefügt. Vorsichtig zog Annett ihren Fuß zurück. Einen Augenblick balancierte sie auf einem Bein. Nicht zum ersten Mal zahlte sich der Ballettunterricht, den sie als Kind erhalten hatte, aus.

Grazil setzte sie ihren Fuß wieder auf den Boden und studierte das unerwartete Hindernis. Zwei horizontale Linien und einige Senkrechte, welche die beiden kreuzten. Die Abstände waren nicht gleichmäßig. Glücklicherweise arbeiteten Lichtschranken im Infrarotbereich und waren damit für ihr Nachtsichtgerät sichtbar.

Sie stellte sich die Melodie des Pink Panther vor und tänzelte an der Schranke entlang. Ganz links gab es eine Lücke, die für sie breit genug war. Wahrscheinlich! Sich ganz den Tönen in ihrem Kopf überlassend, wand sie sich durch das Hindernis. Noch drei Schritte, dann hatte der Schakal ein neues Frauchen.

Die Augen des kleinen Windhundes schienen sie erwartungsvoll anzusehen. Sie waren dunkelbraun, das wusste sie aus dem Katalog. Sehen konnte sie es in der Dunkelheit nicht, die in dem kleinen Ausstellungsraum herrschte.

Vorsichtig drückte sie den Saugfuß an der Scheibe fest und ritzte mit dem Glasschneider einen Kreis um ihn herum. Sie nahm die Scherbe in die Hand und legte sie vorsichtig neben ihrem Fuß auf den Boden. Dann griff sie durch das Loch.

Ihre Hand, in dem weichen Handschuh, berührte die Skulptur. Eine fantastische Arbeit. Selbst durch das Leder spürte sie die Fellstruktur. Langsam nahm sie den Wildhund hoch. Sie musste aufpassen, damit die Schneeflocke, die er in der Schnauze trug, nicht herausfiel. Schließlich galt die ganze Aktion eigentlich diesem feinen Kristall.

Vorsichtig zog sie die Hand zurück. Jetzt blieb ihr nicht mehr viel Zeit. Das Anheben der Figur hatte mit Sicherheit einen stillen Alarm ausgelöst. Sie verpackte den Schakal und zog sich zurück.

Als Fluchtweg wählte sie einen anderen Weg, als beim Hereinkommen. Er führte durch den Keller, der eine Verbindung zum Keller des Nachbarhauses hatte. Die Musik in ihrem Kopf wechselte zu ›Jack Sparrow‹ von Hans Zimmermann.

Wo blieben die Sicherheitsleute? Mittlerweile sollten sie es doch geschafft haben, die wenigen Meter von ihrem Kabuff bis zum Tresorraum zurückzulegen. War der Bankenmogul Feldmann so dumm, sich in seinem privaten Haus nur auf das Schloss zum Schutzraum und die Lichtschranke zu verlassen? Wohl kaum! Sie übersah etwas.

Vorsichtig schlich Annett die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Nirgends Licht, kein Aufruhr! Misstrauisch huschte sie zu einem Fenster und spähte hinaus. Es dauerte eine Weile, aber ihre Geduld zahlte sich aus. Das Haus war umstellt. Dunkle Gestalten erwarteten sie an den Außentüren und wahrscheinlich auch auf dem Dach.

Leise öffnete sie die Kellertür. Hier war niemand, denn der Keller hatte scheinbar keinen anderen Ausgang als den durch den Hausflur. Sie huschte die Treppe hinunter und schlängelte sich an Kisten und Säcken vorbei , die zu einem winzigen Verschlag führten, in dem die Tür zum Nachbarkeller verborgen lag.

*

In aller Ruhe verschloss sie die Tür zu dem schlauchförmigen, fensterlosen Keller, nahm die Maske ab und sah sich ihre Beute an. Der kleine Schakal war wunderschön und die Schneeflocke filigran. Niemand würde darauf kommen, dass dieses Kristallgitter ein Datenspeicher war. Ein optischer Speicher, nicht zu hacken.

Hermann war fast verrückt geworden, als er von dessen Existenz erfuhr und er wollte ihn unbedingt haben. ›Stell dir vor, was Feldmann damit anstellt‹, hatte er sich echauffiert. Das war nicht schwer.

Josef Feldmann machte alles zu Geld und damit wäre dieses Ding für normale Menschen nicht mehr erschwinglich. ›Nur zwielichtige Typen, denen die Polizei auf die Finger schauen sollte, bekämen ihn dann. Für alle anderen wäre er verloren. Für immer!‹, hatte er geschimpft und dabei einen so roten Kopf bekommen, dass sie um sein Herz fürchtete.

Also hatte sie den Auftrag angenommen. Hermann war ein Freund und sie konnte sein Haus jederzeit benutzen. Sie hatte zu allen Räumen Schlüssel und er stellte nie Fragen.

Sie legte den Kristall in das mitgebrachte Medaillon, schob das Bild ihrer Oma darüber, verschloss es und hängte es sich um den Hals. Den kleinen Schakal schob sie durch das zerrissene Futter in ihre Handtasche, die hier zusammen mit ihrer Straßenkleidung auf sie gewartet hatte. Mit einer Klammer verschloss sie den Riss und klebte ein ausgelutschtes Kaugummi darauf.

Ihre Arbeitskleidung landete im doppelten Boden eines Rucksacks, unter einem angefangenen Strickzeug, getragenen Nylons und einer Packung Binden. Zumindest Männer nahmen so etwas nicht allzu genau in Augenschein. Zuletzt zog sie die gefütterte Jacke mit der dicken Kapuze an. Es lag zwar kein Schnee, aber es war scheußlich kalt.

Mit einem uralten, verrosteten Schlüssel öffnete sie die Tür, die in einen modernen Waschkeller führte. Von dort gelangte sie über eine Treppe in den eigentlichen Hausflur. Hier benutzte sie einen weiteren Schlüssel und betrat den hinteren Flur von Hermanns Friseursalon.

Außer dem Zugang zum Salon gab es hier nur ein WC, das sie von außen verschlossen hatte. Sie vergewisserte sich, dass niemand im Flur war, ehe sie die Tür öffnete. Zur Sicherheit zog sie die Spülung ab und wusch sich die Hände. Erst dann ging sie nach vorn in den Salon.

Es waren die üblichen Kundinnen für einen Freitagabend da. Rita, die sich, von Anna, Hermanns taubstummer Tochter, ihren dichten grauen Haarschopf färben ließ. Frau Breitner, deren neue Dauerwelle auf die Trockenhaube wartete, sowie Manuela und Elke, die im Wartebereich saßen und eifrig in den Illustrierten blätterten. Sie waren Freitags stets die letzten Kundinnen und kamen immer schon eine halbe Stunde früher, um die Zeitschriften zu studieren und zu tratschen.

Hermann stand an der Kasse und nickte ihr zu. »Ich dachte schon sie hätten Ihren Termin vergessen, Annett.«

Keiner würde hinter dem sechzigjährigen Mann mit dem schütteren Haar einen der besten Hacker der Welt vermuten, der zudem ein resoluter Humanist war. Bestimmte Dinge gehörten in die öffentliche Hand und sollten somit allen Menschen zur Verfügung stehen, war sein Kredo. Und dafür überschritt er Grenzen. Deshalb schätzte sie den alten Zausel.

Er würde dafür sorgen, dass die Technik, die sich in der Schneeflocke verbarg, in die richtigen Hände gelangte, damit sie allen gleichermaßen zur Verfügung stehen konnte.

»Nie würde ich meinen Friseurbesuch bei Ihnen versäumen, Hermann.« Sie erwiderte sein Lächeln. »Ich war nur schnell hinten.«

Ein verständnisvolles Lächeln bei den Damen im Salon. Man kannte sie hier. Sie gehörte zu den Freitags- Stammkundinnen. Hermann führte sie zu einem der Stühle vor der großen Glasfront. Von hier aus konnte man dem Treiben auf der Straße zuschauen.

Im Moment ging es dort recht lebhaft zu. Polizeiwagen mit Blaulicht standen vor dem Feldmann Haus. Uniformierte Beamte bewachten den Haupteingang. Bei ihnen stand ein Mann der hauseigenen Security und gestikulierte wild herum.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Sieht nach einem Einbruch aus«, antwortete Frau Breitner, die eben eine altmodische Trockenhaube über den Kopf bekam. Genau wie alle anderen verfolgte sie das Schauspiel auf der Straße.

»Besser als Fernsehen«, freute sich Rita.

»Sie scheinen jemanden zu suchen«, stellte Frau Breitner fest.

Tatsächlich liefen jetzt einige Polizisten die Straße entlang und klingelten an den Türen der Nachbarhäuser. Offenbar dachte man noch immer an die Dächer als Fluchtweg.

Annett schüttelte den Kopf. Die waren mit Sicherheit vereist. Welcher Dummkopf würde im Dunkeln wohl so einen Weg wählen? Zwei Polizisten betraten den Laden. Sie grüßten höflich.

»Entschuldige mich kurz, meine Liebe«, sagte Hermann und begrüßte den Mann und seine Kollegin. Eine Weile unterhielten sie sich. Annett hörte Hermanns ungläubiges ›Nein‹. Dann schüttelte er den Kopf. Laut sagte er: »Wir vergeben keine Termine nach sechs Uhr. Keine der Damen war später als viertel vor sechs hier.«

Niemand widersprach ihm. Im Gegenteil, alle nickten zustimmend. »Und Männer frisiere ich nicht. Wir sind ein Damensalon«, fügte Hermann hinzu. Die beiden Polizisten bedankten sich und gingen hinaus.

Annett meinte den kleinen Schakal in ihrer Handtasche lachen zu hören. Entspannt lehnte sie sich im Stuhl zurück. Hermann würde ihr die Haare waschen und neu färben. Nur für den Fall, dass ihr Bild doch auf einer der Überwachungskameras war.