Der Bote

Er musste das Pferd nicht antreiben. Es galoppierte wie nie zuvor in seinem Leben. Schweiß färbte das braune Fell dunkel und Schaum flog von den hellen Nüstern. Seine Hufe berührten kaum noch die runden Steine der alten Straße, deren Verlauf man heute mehr ahnte als sah.

Hilflos saß Cardiff im Sattel, den Kopf tief über den Hals des Wallachs gebeugt. Das Pferd war vollkommen außer Kontrolle. Es stürmte, verfolgt vom monotonen Klacken der Insektenbeine, irr vor Angst die Straße entlang. Er konnte nur hoffen, dass es nicht stürzte oder versuchte nach links auszuweichen, wo es einige Meter steil bergab ging.

Er wagte es über die Schulter zurückzuspähen. Es war schwer in diesem grauen Zwielicht etwas auszumachen. Trotzdem sah er den feisten, behaarten Spinnenkörper der inmitten der wirbelnden Beine zu ruhen schien. Das Vieh war riesig, mindestens so groß wie ein gut gemästetes Schwein. Eine Jagdspinne, registrierte ein Teil von ihm, der nicht von der Panik betroffen schien. Gegen so einen Gegner war ein Mensch im Nahkampf chancenlos. Er musste auf die Schnelligkeit und Ausdauer des Wallachs vertrauen. Oder darauf, dass die Spinne sich mehr für das Pferd als für ihn interessierte.

Obwohl ein Verlust des Tieres hier mit Sicherheit sein Ende bedeuten würde. Schaudernd schaute er auf die mächtigen Bäume, mit ihren unnatürlichen grauen Borken und den bleichen Blättern. Dass dies kein gesunder Wald war, hatte er sofort gesehen, als er unter das dichte Blätterdach in das graue Zwielicht ritt.

Unvermittelt schlug das Pferd einen Haken und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Erschrocken krallten seine Hände sich in der dichten Mähne fest. Die beschlagenen Hufe rutschten auf dem unebenen Boden und der Wallach änderte abermals die Richtung. Er wollte nach links, auf den weichen Waldboden.

Cardiff zog an den Zügeln. Er musste das Tier auf der Straße halten. Es biss sich auf der Trense fest und warf den Kopf hoch. Dann sprang es nach rechts. Das war ein wenig besser. Aber wirklich nur ein wenig.

Im letzten Moment duckte Cardiff sich vor einem tiefhängenden Ast. Weitere Äste peitschten über seinen Rücken und drohten ihn abzustreifen. Verzweifelt klammerte er sich fest, das Gesicht in das schweißnasse Fell des Wallachs gedrückt.

Plötzlich hob das Pferd vom Boden ab. Einen Moment hingen die rennenden Hufe in der Luft, dann fiel es. Cardiffs Füße verloren die Steigbügel und einen Augenblick schwebte er über dem Sattel. Dann stürzte er neben dem Pferd dem Wasser entgegen. Es klatschte und spritzte als sie kurz nacheinander im Wasser landeten. Das Pferd begann sofort zu schwimmen. Cardiff wurde von der ledernen Rüstung unbarmherzig nach unten gezogen.

Plötzlich war überall Wasser; in der Rüstung, in seinen Ärmeln, in der Hose und in seinem Mund. Er konnte nicht mehr atmen. Cardiff strampelte, bemühte sich wieder an die Oberfläche zu kommen. Vergeblich!

Etwas traf sein Knie. Ein lähmender Schmerz fuhr durch sein Bein. Er biss die Zähne zusammen. Wasser rauschte in seinen Ohren. Wieder wurde er getroffen. Diesmal am Oberschenkel, dann streifte etwas seine Hand. Fell! Das Pferd war neben ihm. Hektisch fasste er zu und bekam einen Steigbügelriemen zu fassen. Mit beiden Händen klammerte er sich fest, darauf bedacht den wild rudernden Beinen des Pferdes nicht zu nahe zu kommen. Das Tier würde ihn retten, wenn es ans Ufer schwamm.

Er blinzelte und versuchte etwas zu erkennen. Er vermochte nicht einmal zu sagen, ob es ein Fluss oder ein See war, in den das Tier gesprungen war. Es war aussichtslos. Immer wieder wurde sein Kopf unter Wasser gezogen. Besser er konzentrierte sich darauf Luft zu holen, wann immer es möglich war.

*

Nach einer endlosen Zeit im Wasser, zog der Braune ihn ans Ufer. Spitze Kiesel rissen seine Hose auf und zerschrammten ihm die Haut. Erschöpft ließ Cardiff die Zügel los.

Die Spinne! Er keuchte und rollte sich auf den Bauch. Das Pferd hatte ihn auf einen schmalen, steinigen Strand gezogen, auf dem es von Krebsen nur so wimmelte. Krebse so groß wie Jagdhunde.

Seine Hand legte sich um den Griff des Schwertes und er spähte den Strand entlang. Von der Spinne war nichts zu sehen. Vielleicht war sie ihm nicht ins Wasser gefolgt. Er wusste nicht einmal, ob diese Biester überhaupt schwimmen konnten.

Zitternd vor Kälte griff er wieder nach dem Steigbügel und zog sich auf die Beine. Einen Moment blieb er, an das nasse Fell des Pferdes gelehnt, stehen.

»Das war ein ganz schöner Schreck, was?«, murmelte er und klopfte dem Tier den Hals.

Das Pergament, schoss es ihm durch den Kopf. Mit bebenden Händen öffnete er die Riemen der Packtasche und zog den Kupferbehälter hinaus. Er war doppelt versiegelt. Cardiff schüttelte ihn, ohne etwas zu hören. Anscheinend war kein Wasser eingedrungen. Er seufzte erleichtert.

Alles andere in der Tasche war tropfnass. Das meiste konnte er trocknen, nur das Brot war nicht zu retten. Er warf es beiseite und schloss die Tasche wieder.

»Komm, mein Alter«, sagte er und nahm die Zügel auf.

Folgsam trottete der Wallach hinter ihm her, auf den Grasstreifen zu, der sich an den Kieselstrand anschloss. Die Krebse schenkten ihm keine Beachtung. Sie lagen einfach träge da oder wühlten mit den Scheren im Sand. Trotzdem beeilte Cardiff sich den Strand hinter sich zu lassen.

Das Gelände stieg an, dem Grasstreifen folgten wellige Hügel und weiter oben ein Wald. Nicht so dicht wie der, in dem er die Spinne getroffen hatte.

»Vielleicht finden wir hier jemanden, der uns wieder auf die andere Seite des Wassers bringt«, sagte er zu dem Pferd, da sonst niemand da war und es seinen Nerven nach dem Schrecken gut tat, die eigene Stimme zu hören.

Er zog das Pferd weiter den Hügel hinauf.

*

Misstrauisch suchte sein Blick den Waldrand ab. Die Bäume sahen gesund aus. Das Laub war grün und wo die Stämme mit Efeu bewachsen waren, sah er sogar kleine Blüten. Und es zwitscherten Vögel in den Baumkronen.

Zögernd führte er sein Pferd unter die Bäume. Der Waldboden federte leicht unter seinen Schritten. Er war weich und mit Moos, Nadeln und Laub bedeckt. Die Luft roch frisch, würzig und nach Rauch!

Er blieb stehen und schnupperte. Das war kein Waldbrand, aber auch kein einfaches Lagerfeuer. Es roch nach Kohlen. Mit neuer Hoffnung setzte Cardiff sich in Bewegung. Kohlefeuer bedeuteten mindestens ein Haus. Wenn er Glück hatte sogar ein Dorf.

Bald sah er eine Hütte durch die Bäume schimmern. Ein stabil aussehendes Blockhaus, ordentlich eingezäunt und mit Kräuterbeeten links und rechts des Kiesweges, der zum Haus führte.

An der Pforte blieb er stehen.

»Hallo!«

Nichts rührte sich beim Haus.

»Ist hier jemand?«, rief er, so laut er es wagte.

»Nein!«, antwortete eine kräftige Stimme direkt hinter ihm. »Kein Jemand, nur ich, Algor.«

Erschrocken fuhr Cardiff herum. Vor ihm stand ein alter Mann mit runzeligem Gesicht und einem wirren Bart.

»Mir gehört diese bescheidene Hütte«, fuhr der Fremde fort.

»Cardiff«, stotterte er schwankend zwischen Überraschung und Furcht.

»Ein Krieger im Sold oder ein Söldner?«, fragte der alte Mann. »Obwohl, wenn Du mir verzeihst, ich den Unterschied nie wirklich begriffen habe.«

»Ein Bote«, antwortete Cardiff automatisch und musterte den Alten, der in einem einfachen Sackleinenhemd, das in eine zerschlissene Hose gestopft war, an ihm vorbei ging und ihm dabei sorglos den Rücken zuwandte.

Er trug nicht einmal eine Waffe, also war er entweder nicht allein oder verrückt. Unauffällig sah Cardiff sich um.

»Lebst Du hier allein?«, fragte er den Alten.

»Allein?«, fragte Algor überrascht zurück.

Seine Hand, mit der er den Riegel des Gartentors gehoben hatte, verhielt in der Luft.

»Hast Du keine Augen und Ohren? Hier ist alles voller Leben. Vögel, Füchse, Wild und Wölfe, von den Insekten ganz zu schweigen.«

Bei der Erwähnung von Insekten zuckte Cardiff erschrocken zusammen, aber der Alte fuhr schon ungerührt fort.

»Und dann ist da natürlich noch meine alte Insa, sowie drei Ziegen und ein Esel.«

Algor stieß das Gartentor auf und lud Cardiff ein hinein zu gehen.

*

Die alte Insa entpuppte sich als zahme Wölfin, die ihre besten Tage weit hinter sich gelassen hatte. Sie lag, bequem ausgestreckt, auf einer Decke neben dem Kamin und musterte Cardiff misstrauisch aus ihren gelben Augen.

»Tee?«, erkundigte Algor sich und goss etwas von der dampfenden Flüssigkeit in einen Becher.

»Ja, danke«, murmelte Cardiff und betrachtete die Wölfin.

Insa war eindeutig eine echte Wölfin, kein Hund oder Mischling. Vielleicht war Algor ein alter Jäger, der hier sein Altenteil eingerichtet hatte. Das war gut. Jäger waren zwar seltsame Leute, aber meistens ehrlich.

»Vielleicht setzt Du dich ans Feuer und trocknest deine Kleidung«, schlug Algor vor und reichte ihm den Becher.

Vorsichtig nahm Cardiff ihn entgegen und setzte sich an den Kamin.

Algor nahm einen Schinken vom Haken an der Decke und legte ihn neben einem Laib Brot vor Cardiff auf den Tisch.

»Bedien dich«, lud er ihn freundlich ein.

Cardiff entschloss sich dem gastfreundlichen Fremden zu trauen und griff nach dem Brot. Außerdem hatte er Hunger.

Der Alte setzte sich an die andere Seite des Kamins, neben die Wölfin und trank einen Schluck Tee.

»Was hat dich veranlasst mit deinem Pferd schwimmen zu gehen?«

»Eine Spinne«, antwortete er kauend.

Das Brot war frisch und der Schinken mit Kräutern geräuchert. Das und der Tee machten ihn müde. Schläfrig erzählte er Algor von seinem Abenteuer mit der Riesenspinne.

»Überrascht hat sie dich? Dann kannst du unmöglich aus der Gegend stammen.«

»Ich bin hier fremd«, wich Cardiff der unausgesprochenen Frage aus. »Ich war auf der Suche nach einer neuen Arbeit.«

»Und hast eine Anstellung als Bote gefunden«, stellte der Alte fest.

Cardiff nickte.

»Hat dich niemand vor dem Wald gewarnt?«

»Nein«, Cardiff schüttelte den Kopf und erzählte Algor seine Geschichte.

»Szelna!«, schnaubte Algor ärgerlich als er geendet hatte. »Das sieht ihm ähnlich. Statt einen seiner eigenen Leute zu schicken, beauftragt er einen unwissenden Fremden. Er unterhält ein ganzes Heer. Wusstest du das? Leute von hier, die den Wald und seine Geheimnisse kennen.«

Cardiff nickte. Natürlich hatte er das gewusst. Szelna machte schließlich keinen Hehl daraus. Aber es war auch nicht ungewöhnlich für Botendienste einen Söldner zu engagieren. Allerdings warnte man sie vor Gefahren, wenn einem daran lag, dass die Botschaft ankam. Andererseits hätte er den Auftrag kaum angenommen, wenn er von diesen Spinnen gewusst hätte.

»Wirst du den Auftrag erfüllen?«, fragte Algor neugierig.

»Ich werde erst am Ziel bezahlt«, entgegnete Cardiff statt einer direkten Antwort auf Algors Frage.

»Und was steht in der Nachricht?«, bohrte der Alte weiter.

»Keine Ahnung.«

»Du weißt nicht einmal worum es geht?« Ungläubig sah Algor ihn an.

Cardiff schüttelte den Kopf. Das hatte ihn weniger interessiert als das Essen, zu dem Szelna ihn eingeladen hatte, unter der Voraussetzung, dass er den Auftrag annahm.

*

Cardiff verfluchte Algor. Der Alte hatte ihn eindringlich vor den Gefahren des Waldes gewarnt. Außer Spinnen gab es schwarze Wölfe, tollwütige Bären und Willocs; von der Gestalt her riesige behaarte Menschen, schlau und mit dem Gebiss eines Raubtieres. Und als Cardiff so weit war, dass er auf das Geld, das ihn am Ziel erwartete, verzichten wollte, erzählte Algor ihm von einem geheimen Weg.

Einem Weg, der weit unter dem Wasser von der Insel wegführte, mit dem er alle Gefahren umgehen konnte und der nahe der Stadt endete. Der Alte selbst benutzte ihn, wenn er Vorräte brauchte. Deshalb hatte Cardiff eingewilligt dem Alten sein Pferd zu überlassen, wenn Algor ihm diesen Pfad zeigte.

Der geheime Weg war ein schmaler felsiger Tunnel, gerade groß genug um einen Mann bequem hindurchgehen zu lassen. Ein kurzer, direkter Weg, so wie der Vogel fliegt, hatte Algor gesagt. Er endete weniger als eine halbe Meile vor der Stadt, beinahe an der Straße. Er hatte nur zu erwähnen vergessen, dass sich der Ausgang in einer Gruft, mitten auf einem alten Friedhof, befand.

Und dass diese Gruft von Ghulen bewohnt wurde. Leider hatte Cardiff die erst bemerkt, als sie erwacht waren und ihm den Rückweg zur Insel abgeschnitten hatten.

Voller Furcht beobachtete er die missgestalteten Kreaturen. Eitrige Geschwüre überzogen die faulenden Körper und sie stanken schlimmer als vergammelter Fisch. Den Gerüchten nach waren es Untote. Sie fraßen Leichen und infizierten Lebende mit der Seuche, damit diese selbst zum Ghul wurden.

Cardiff schüttelte sich, bei dem Gedanken daran, in einer Gruft zu wohnen und von verwesendem Fleisch zu existieren. Aber ihm blieb keine andere Wahl als sein Schicksal herauszufordern. Langsam und mit angehaltenem Atem schob er sich an der Wand entlang. Seine einzige Chance war, dass diese Biester nicht gut sahen und nahezu taub waren.

Dummerweise konnten sie ausgezeichnet riechen und er konnte es nicht einmal riskieren sein Schwert zu ziehen, denn von irgendwo her fiel Licht in die Gruft. Ein kaltes grünes Licht, das hell genug war um von der Schwertklinge reflektiert zu werden.

Vorsichtig, dicht an der Wand und so tief wie möglich über den Boden geduckt, schlich Cardiff weiter. Das unnatürliche Licht narrte seine Augen. Mehr als einmal glaubte er eine Bewegung unmittelbar neben sich zu sehen, aber stets waren es nur Schatten. Der Geruch nach modriger Erde und der Gestank der Ghule brachten ihn fast um den Verstand. Er blieb stehen, schloss die Augen und atmete so tief durch, wie er es aushalten konnte.

Was war das für ein Geräusch? Er riss die Augen wieder auf. Die Ghule waren noch immer da. Sie standen fast parallel zu ihm und sie schnüffelten. Er duckte sich tiefer. Unwillkürlich legte sich seine Hand auf den Schwertgriff. Die Waffe würde ihm nicht viel nützen. Nicht einmal, wenn es ihm gelang mit dem Rücken an der Wand zu bleiben. Es waren einfach zu viele. Verzweifelt sah er sich in dem grünen Licht um.

Nicht weit vor ihm war eine Treppe. Er konnte sie jetzt deutlich sehen. Zu deutlich! Es war viel zu hell. Der Mond schien und sein kaltes Licht beleuchtete die steinernen Stufen. Das war der Ausweg!

Der einzige Ausweg, aber sie würden ihn sehen. Bewegung nahmen sie wahr. Er musste warten, bis der Mond von einer Wolke verdeckt wurde. Wieder hörte er ihr Schnüffeln. Es klang, als ob sie näher kamen. Cardiff starrte die Meute an. Sie waren so dicht bei ihm. Deutlich konnte er ihre Rippen durch das verwesende Fleisch sehen und ihren fauligen Gestank riechen. Und diese entsetzlichen Augen! Sie starrten ihn an!

Sie standen da und starrten in seine Richtung. Gleich würden sie sich in Bewegung setzten und ihm den Weg nach draußen versperren. Er würde hier sterben. Gefressen werden oder Schlimmeres.

Panik wallte in ihm auf. Plötzlich hatte er sein Schwert in der Hand und rannte los. Wie auf einen Befehl hin, wandten sich die Köpfe der Kreaturen in seine Richtung. Einen Moment schien die Zeit still zu stehen, dann setzte die Meute sich in Bewegung. Schnüffelnd! Geifernd! Er musste vor ihnen an der Treppe sein; es waren viel zu viele, um sich durchzukämpfen.

Die Ghule fingen an zu kreischen. Ein hohes ansteigendes Kreischen und er hörte ihre knochigen Füße über den zerbrochenen Steinfußboden der Gruft klacken. Vor ihm war die Treppe. Nur noch wenige Meter. Das Mondlicht verschwand und tauchte die Gruft in vollkommene Dunkelheit.

Blindlings rannte er weiter ohne sein Tempo zu vermindern. Unvermittelt stieß er mit der Spitze seines Stiefels gegen eine Stufe und fiel. Hart schlugen seine Ellbogen auf den Stein auf. Nur mit Mühe behielt er die Waffe in der Hand und kroch auf allen Vieren vorwärts. Er musste nach oben, nur heraus aus dieser Gruft.

Die Klinge seines Schwertes schlug auf jeder Stufe mit einem durchdringenden Ton auf. Wie Protest klang das schrille Klirren. Irr vor Angst hastete er auf Händen und Knien vorwärts, die zerrissene Hose und die blutenden Knie ignorierend.

*

Panisch rannte Cardiff über die Gräber; nur weg von der Gruft. Etliche der Kreaturen hatte er abhängen können, aber eben nicht alle. Wie viele genau hinter ihm her rannten, wusste er nicht, denn er war immer noch auf dem Totenacker und der Mond machte sich rar, so dass er es nicht wagte über die Schulter zurück zu sehen.

Sein Atmen rasselte schmerzhaft und das Herz schlug, als wollte es den Brustkasten sprengen. Aber er rannte weiter, direkt auf einen großen Grabstein zu. Vielleicht konnte er weitere der Ghule abhängen, wenn er darüber sprang. Sie waren nicht sehr intelligent.

Cardiff sprang und landete hinter dem Stein auf einer marmornen Grabplatte. Er rutschte aus und fiel. Hart landete er auf dem Marmor und stellte fest, dass die Kreaturen doch nicht ganz so dumm waren. Sie kamen um den Stein herum und kreisten ihn ein, ehe er aufstehen konnte.

Der Mond schien jetzt wieder hell und gewährte ihm einen unbarmherzigen Blick auf sein Verhängnis. Drei Ghule standen vor ihm, jeder einen Kopf größer als er, mit langen pendelnden Armen, riesigen Händen und messerscharfen Zähnen. In den Augenhöhlen der Schädel glomm ein widernatürliches grünes Licht.

Einen Moment stand er wie versteinert, dann traf eine knochige Faust seinen Rücken. Sie glitt an seinem Lederpanzer ab, trotzdem hatte der Stoß genug Wucht, um ihn nach vorn taumeln zu lassen.

Dass sich ein vierter Ghul von hinten, aus der Richtung des Grabsteins genähert hatte, war ihm entgangen. Cardiff nutzte den Schwung, wirbelte an einem Ghul vorbei und schlug ihm eine Klaue ab. Die Kreatur quiekte schrill.

Andere Ghule, weiter weg, nahmen den Ruf auf und antworteten. Cardiffs Schwert beendete den Schrei. Einen Moment blieb es unnatürlich still, dann drangen die verbliebenen drei Kreaturen auf ihn ein. Sein Schwert wirbelte in einem komplizierten Abwehrkampf herum. Bloß nicht stürzen, hämmerte sein Kopf unablässig. Ein Sturz würde sein Schicksal besiegeln.

Er spürte grapschende Hände und zuschnappende Mäuler. An einigen Stellen durchbrachen sie das Leder der Rüstung. Er fühlte ihre Nägel und Zähne seine Haut ritzen. Reichte das aus, um sich zu infizieren?

Die Angst verlieh ihm neue Kraft. Er schrie seine Verzweiflung hinaus und schlug blind um sich; hackte hier eine Hand ab, zertrat dort ein Knie.

Und plötzlich war es vorbei. Der letzte Ghul lag regungslos vor ihm am Boden. Cardiff schluchzte und taumelte vorwärts. Nur weg hier!

*

Ohne Rücksicht auf seine blutenden Wunden und das schmerzhaft pumpende Herz rannte Cardiff durch das dichte Unterholz des grauen Waldes. Die Äste, die sein Gesicht trafen und tiefe Risse auf den Wangen hinterließen, spürte er nicht einmal mehr. Er sah nur noch das Licht vor sich.

Ein Wachfeuer, brennende Fackeln und erleuchtete Fenster. Vor ihm war ein Dorf. Seine Rettung!

Er erreichte die ersten Häuser und taumelte die Straße entlang. Es war noch früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen, dennoch waren schon Menschen wach und draußen auf der Straße. Sie starrten ihn an.

Cardiff brach zusammen.

»Vargas!« brachte er mühsam heraus, ehe es dunkel um ihn wurde.

Ein Wächter kniete sich neben ihn und durchsuchte die Botentasche. Er fand die Kupferrolle und rief selbst nach Vargas.

Es dauerte nur einen Moment, ehe der weißhaarige Friedensrichter des Dorfes erschien und die Kupferrolle an sich nahm.

Beobachtet von neugierigen Augen las er die Nachricht und lachte ungläubig.

»Holt Jakfe und bringt diesen da in mein Haus«, befahl er den umstehenden Männern.

*

»Wird er leben?«, fragte Vargas den Heiler, der Cardiffs Wunden versorgt hatte.

Jakfe nickte und fragte dann: »Weiß man, wer er ist?«

Schweigend reichte Vargas ihm die Nachricht, die Cardiff ihm überbracht hatte. Sie war von Szelna, seinem Waffenbruder aus Strogdorf. Es waren nur wenige Zeilen.

‚Wenn er es lebend zu dir schafft, ist der Überbringer dieser Nachricht der Leibwächter, um den du mich gebeten hast. Du musst ihn nur überzeugen zu bleiben.’

*Ende*